Spitz-findig-keit #233

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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute springen wir lieber nochmal zurück nach Schmochtitz, wo ich im Zimmer 233 untergebracht war. Dann schauen wir auf das Befinden des jungen Goethe und stellen anschließend mit Hilfe einer begnadeten Kabarettistin – aber nicht nur – fest, in welch hohem Maße dessen Lebenswerk sich in unserer Gegenwart wiederfinden läßt.

1. Spitz-findig-keit

„Wie im Himmel“, eine schwedische Tragikkomödie aus dem Jahre 2004. Im Nachgang und passend zur in der #230 beschriebenen Chor- und Instrumentalwoche in Schmochtitz. Bei einem Telefonat, das mich dort erreichte, hatte ich von meiner Cousine Steffi den Tipp erhalten. Der rund zweistündige Film ist hier kostenlos anzuschauen.

Im Gegensatz zu unserer sehr harmonischen und friedlichen Woche in Schmochtitz durchzieht blutige Gewalt wie ein roter Faden die Handlung des Films. Der Dirigent kommt unerkannt zurück in seinen kleinen Heimatort und trifft dort auf die Person, die ihm federführend schon in der Jugend übel zugesetzt hat, worauf seine Mutter mit ihm das Weite suchte, einfach wegzog. Es gelingt ihm eine Chorgemeinschaft aufzubauen, die über die Freude am gemeinsamen Musizieren nicht nur zusammen, sondern auch zahlenmäßig wächst, Inklusion inklusive. Und die sich auch durch interne Stöhrfeuer und besagten Gewalttätigen nicht von ihrem Weg in die Mozartstadt Salzburg zu einem Chorwettbewerb abbringen läßt. Dort holt den Dirigenten nicht nur seine „erfolgreiche“ Vergangenheit ein, durch einen Sturz findet er da in einer Toilette der Festspielhäuser unter „himmlischen Klängen“ zufrieden, ja lächelnd sein irdisches Ende.

Eine Tragikkomödie in drei Akten ist auch der „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt (1921-1990), die im Januar 1956 in Zürich uraufgeführt wurde. Sie brachte dem Autor, neben einem echten Welterfolg auch die finanzielle Unabhängigkeit. Alles endet „Wie im Himmel“ mit einem befreienden Lachen und Einem, der auf der Strecke bleibt.

2. Spitz-findig-keit

Unser häufig genutztes „Buch der Tagebücher“, S. 409 und S. 628 zur Person, als Quelle. 1778, heute vor genau 247 Jahren hält Johann Wolfgang Goethe in Weimar folgendes fest:

„Wundersam Gefühl vom Eintritt ins dreysigste Jahr. Und Verändrung mancher GesichtsPunckte.“

Drei Tage zuvor hatte er seinen 29. Geburtstag begangen (geboren am 28. August 1749, in Frankfurt am Main; gestorben am 22. März 1832 in Weimar). Was uns Heutigen ins Auge springt, ist die Veränderung der Sprache. Dabei steht ihm – wie der Lebenslauf auf Wikipedia zeigt – noch so manche Veränderung seiner Perspektiven und Lebensumstände bevor.

Schon 1773 hatten ihm das Drama „Götz von Berlichingen“ und 1774 der Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ literarische Erfolge eingetragen. Und 1775 hatte ihn Herzog Carl August an seinen Hof in Weimar berufen, wo er bis ans Lebensende blieb. „Er bekleidete dort als Freund und Minister des Herzogs politische und administrative Ämter und leitete ein Vierteljahrhundert das Weimarer Hoftheater. Die aus seiner amtlichen Tätigkeit resultierende Vernachlässigung seiner schöpferischen Fähigkeiten löste nach dem ersten Weimarer Jahrzehnt eine persönliche Krise aus, der sich Goethe durch die Flucht nach Italien entzog. Die Italienreise von September 1786 bis Mai 1788 empfand er als eine ‚Wiedergeburt‘. Ihr verdankte er die Vollendung wichtiger Werke wie Iphigenie auf Tauris (1787), Egmont (1788) und Torquato Tasso (1790).“

Uns ist Goethe unter anderem schon als Vertreter und Befürworter des gesunden Menschenverstands – #146 -, eines lebensbejahenden Humors und Lachens – #149 -, und nicht zuletzt als kräftiger Weintrinker – #198 – aufgefallen. Wobei mein Credo zu letzterem lautet: Goethe lesen/rezitieren ja, aber wie er trinken/bechern nein.

3. Spitz-findig-keit

Monika Gruber, deren Mut und klare Rede wir schon in der #183 gewürdigt hatten, macht wieder von sich reden. Adrett aufgemacht und in ihrer gewohnt bayerischen Art und Sprache, stellt sie wechselnden Interviewpartnern und -partnerinnen am massiven Holztisch die richtigen Fragen. Das neue Sendeformat wird präsentiert von Servus TV.

Hier drei Beispiele, jedes zwischen 12 und 14 Minuten lang: mit der Hospitzleiterin Rita Gabler sprach sie am 1.6.2025 über den Tod und Eierlikör, mit dem Schriftsteller und Verleger Ilija Trojanow am 15.6. unter dem Titel „Humor, die Waffe gegen die Mächtigen!“ über Überwachung, Widerstand und den Sport. Und mit dem Literaten und Weltenbummler Matthias Politycki am 4.8. darüber, dass sich sogar Afrika um Deutschland sorgt.

Beim Hospitz denkt Mann/Frau normalerweise ans traurige Sterben, aber ein mit Morphin und Dormicum angereicherter Eierlikör bringt einen „schwarzen“ Humor hervor, der allen gut tut. Das richtige Sterben ist dabei viel humaner, fast wie eine Geburt. Mit Humor kann man sich auch gegen die „Mächtigen“ zur Wehr setzen, ihn an Schwächeren abzuarbeiten ist hingegen schlicht erbärmlich. Und der in einer Vereinsgemeinschaft ausgeübte Sport – wobei die Art, ob Boxen oder Rudern, natürlich Besonderheiten aufweist – ist ein probates Mittel gegen die Vereinsamung und für die Inklusion. Die Sorge um unser Land, dessen Renommee im letzten Jahrzehnt kräftig gelitten hat, sollte insbesondere jene Kulturschaffenden um- und antreiben, die von den Freiheiten der 1960/70/80er Jahre so enorm profitiert haben.

#PreppoKompakt

Bewegen sich übrigens alle drei in der Gedankenwelt Goethes, ohne ihn ausdrücklich zu erwähnen. Welch ein genialer Kopf, trotz eines Übermaßes an Rebensaft. Zu unserer heutigen Spitz-findig-keit passt noch das Gespräch von der „Gruaberin“ mit dem Arzt Dr. Michael Spitzbart am 13.8. unter dem Titel „Pommes-Kur und Körperintelligenz“. Dort wird Alkohol glasklar als Zell- und Nervengift klassifiziert.

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