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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute interessieren wir uns dafür lieber für Tugenden, vor allem um verschütt gegangene, und die daraus resultierenden Folgen.
1. Spitz-findig-keit
In der NZZ vom 2.2.2026 (hinter Schranke) meldet sich Bodo Hombach zu Wort, der in den 1990er-Jahren Landesgeschäftsführer der SPD und Minister in Nordrhein-Westfalen sowie Kanzleramtsminister im Kabinett von Gerhard Schröder war. Er beklagt den Verlust von Tugenden, wie Pflichtgefühl, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit, und sieht darin einen Grund für die gegenwärtige Krise. Die kleinen oder Sekundärtugenden habe sein damaliger Parteigenosse Oskar Lafontaine, dem Zeitgeist entsprechend, lächerlich gemacht.
Unter Bezugnahme auf Ralf Dahrendorf sieht Hombach eine Aufgabe der schulischen Bildung in der Demokratie darin, klügere Köpfe und verlässliche Bürger hervorzubringen, das heißt „… anständige Menschen, die pünktlich kommen, Verantwortung übernehmen, Vereinbarungen einhalten und Regeln als gemeinsamen Rahmen begreifen.“ Und gerade darin hätten „Lehrer mit 68er‑Prägung …“ versagt (zur 68er-Bewegung siehe den umfassenden Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung – bpb – vom 9.1.2028). „Respekt vor der Leistung und anderen wurde selten gefördert, manchmal belächelt, oft einfach nicht mehr vermittelt – und es rutschten Pflichtgefühl, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit hintenan. Viele ihrer Schüler sind heute Meinungsmacher.“
Sowohl Helmut Kohl, als auch Gerhard Schröder bescheinigt Hombach in dieser Hinsicht viel Durchblick. Die Forderung von Kanzler Kohl in den 1980er-Jahren nach einer „geistig-moralischen Wende“, um Ehrlichkeit, Leistung und Selbstverantwortung wieder eine Chance zu geben, und die „Agenda 2010“ von Kanzler Schröder, durch die Eigenverantwortung gefördert und mehr Eigenleisung von jedem Einzelnen abgefordert wurde, seien „… immer noch von drängender Aktualität.“
2. Spitz-findig-keit
Eine weitere Tugend, im Newsletter der NZZ vom 4.2.2026 vermerkt: „Versprich weniger, leiste mehr. Chefs und Kollegen freuen sich, wenn man ein vorsichtig geschätztes Arbeitsergebnis übertrifft. Wer sich daran hält, kann schnell zu einem Ruf als zuverlässiger und tüchtiger Mitarbeiter kommen. Vor allem aber sollte man nie das Gegenteil tun: Versprechen abgeben, die man nicht halten kann. Denn selbst wenn man grossartige Arbeit leistet, enttäuscht man die Erwartungen, die man selbst geweckt hat. Seit Friedrich Merz deutscher Bundeskanzler geworden ist, hält er sich eisern an diese gegenteilige Regel.“
So sieht es Redakteur Len Sander. Und er hat – wohl oder übel – recht damit. Das müssen wir verschMerzen.
3. Spitz-findig-keit
Heute ist der „Welttag der Ehe“, auch in der Ehe geht es ja um Versprechen. Der FAZ-Newsletter vom 6.2.2026 mit der passenden Schlagzeile: „Immer weniger Menschen heiraten in Deutschland. Dafür halten geschlossene Ehen länger als früher.“
„Tiefstand: Nur noch jeder Zweite in Deutschland heiratet, vor 30 Jahren waren es noch 60 Prozent der Erwachsenen. Die Zahl der Eheschließungen ist auf den niedrigsten Stand seit Erhebung der Statistik im Jahr 1950 gefallen. Im Jahr 2024 wurden knapp 350.000 Ehen geschlossen, wie das Statistische Bundesamt anlässlich des Welttags der Ehe am Sonntag mitteilt.

Haltbarkeit: Ein Grund für die sinkende Zahl der Eheschließungen ist, dass sich die Deutschen immer mehr Zeit bis zum ersten Jawort lassen. Das Durchschnittsalter stieg innerhalb von 30 Jahren [bei beiden Geschlechtern jeweils] um rund sechs Jahre. Dafür halten Ehen inzwischen länger. Die Durchschnittsdauer bis zur Scheidung lag 2024 bei 14,7 Jahren, 1994 waren Ehepaare im Schnitt zwölf Jahre verheiratet.“
Angaben aus der Pressemitteilung des Bundesamtes vom 5.2.2026 (siehe oben)
Nach der Einführung der Ehe für alle im Oktober 2017 sind seit dem Berichtsjahr 2018 auch gleichgeschlechtliche Eheschließungen in der Statistik enthalten, in 2024 betrug der Anteil knapp 3 %. In einer Ehe lebten Ende 2024 knapp 50 % der Bevölkerung ab 18 Jahren (wobei es 1994 noch 60 % aller Erwachsenen waren). Am höchsten war der Anteil der Verheirateten bei den 65- bis 69-Jährigen: „Gut 3,5 Millionen der 5,3 Millionen Menschen in diesem Alter und somit zwei Drittel (66 %) waren zum Jahresende 2024 verheiratet oder in einer Lebenspartnerschaft.“
#PreppoKompakt
Die Angaben zur Haltbarkeit kennen wir hauptsächlich von den Lebensmittelverpackungen. Übrigens haben die 25. Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo begonnen. Auch hierzu hält das Statistische Bundesamt eine Fülle an Informationen vor.


