Spitz-findig-keit #258

7 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute hinterfragen wir dafür lieber etwas die hochgejubelte künstliche Intelligenz (KI) und gehen dann auf die oberste Bürgerpflicht in einer Demokratie ein.

1. Spitz-findig-keit

In der NZZ vom 15.2.2026 (hinter Schranke) wird – in Umkehrung des Verhältnisses – beschrieben, wie die KI Aufträge vergibt: „Gewisse KIs bewegen sich frei im Internet, ausgestattet mit E-Mail, X-Account und eigenem Geld. Auf der Plattform Rentahuman werden deren Befehle ausgeführt – von Menschen.“

Schlusssatz: „Vielleicht ist der Gedanke für Menschen tröstlich, dass sie es auf Rentahuman nicht mit einer Superintelligenz zu tun haben, sondern eher mit Mangelwesen. Das kennen sie bereits aus ihrem bisherigen Berufsleben.“

Na, ob das als Trost ausreicht? Und es geht ja noch weiter.

2. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 15.2.2026 (hinter Schranke) greift die Entwicklung auf: „Bisher war die Künstliche Intelligenz für den Menschen ein Werkzeug. Jetzt beginnt sie, ihn zu ersetzen. Ausgerechnet ein bisheriger Underdog treibt dabei die Branche vor sich her.“

Grund dafür ist die sogenannte „agentische KI“. Das heißt KI-Agenten lösen eigenständig Probleme, schreiben selbst Programme, bearbeiten Dateien und besuchen Websites – „… all das über einen langen Zeitraum hinweg ohne menschliche Kontrolle.“ Ausgelöst hat dies das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic, der gewesene „Underdog“, mit der Software „Claude Code“ für Programmierer und deren jüngster Fortentwicklung „Cowork“ für alle Büroarbeiter.

Diese eigenständige KI kann „… lesen, also unstrukturierte Informationen aufnehmen; denken, also domänenspezifisches Wissen anwenden; schreiben, also strukturierte Ergebnisse produzieren; und verifizieren, also das Ergebnis mit vorgegebenen Standards abgleichen.“ Dabei wird der Zeitraum, in dem die agentische KI Aufgaben eigenständig lösen kann, ohne dass der Mensch einschreitet, immer schneller immer länger. … Und je länger die Zeitfenster werden, desto mächtiger wird die KI. Das Tempo nimmt zu. Und ein Ende ist nicht in Sicht.“

Hier zu trösten, insbesondere die Menschen, die in dafür besonders anfälligen Branchen und Berufszweigen durch die agentische KI ihren Arbeitsplatz verlieren, dürfte sehr, sehr schwer sein. Da kommt noch was auf uns zu.

3. Spitz-findig-keit

Bei dem Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) – wir haben ihn schon mehrfach, zuerst in der #26 und zuletzt in der #204 vorgestellt und genutzt – handelt es sich nicht um eine irgendwie geartete agentische KI. Es kann daraus auch keine Empfehlung für die Landtagswahl Baden-Württemberg am 8. März, also heute in zwei Wochen abgeleitet werden. Es ist lediglich ein praktisches Hilfsmittel, das den wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern bei der Ausübung ihrer obersten Bürgerpflicht zwanglos Unterstützung angedeihen läßt. Besonders wohltuend ist, wenn – wie in meinem Fall – das durch den Wahl-O-Mat ausgewiesene Ergebnis sich mit der inneren Überzeugung deckt.

Wahl-O-Mat focusiert auf die laut Umfragen drei wichtigsten Probleme: Wirtschaft, Migration, Bildung

In der NZZ vom 18.2.2026 wird (hinter Schranke) eine interessante Fortentwicklung/Modifikation des Wahl-O-Mats präsentiert: zum einen werden die 38 Fragen auf 18 eingedampft, zum anderen in einem interaktiven Schema mittels eines Konsenswertes die verschiedenen Koalitionsmöglichkeiten nach der Wahl am 8. März ausführlich analysiert.

„In der NZZ-Auswahl sind AfD und Linke die Gegenpole – in allen 18 Fragen stehen sie sich direkt gegenüber. Zugleich ist die AfD laut Wahl-O-Mat anschlussfähiger als die Linke, die unter den grösseren Parteien in Baden-Württemberg am stärksten isoliert ist. Das gilt auch, wenn man alle 38 Wahl-O-Mat-Fragen einbezieht.“

Was hieße dies für die laut Umfragen wahrscheinlichste Koalitionsoption, nämlich eine Regierung aus CDU und Grünen? „Laut den Wahl-O-Mat-Daten bliebe Schwarz-Grün trotz realen Schnittmengen in Wirtschaftsfragen eine Koalition mit Sollbruchstellen. Die grössten Konfliktfelder liegen bei Migration und Bildung. Ob diese Differenzen politisch überbrückbar sind, entscheidet sich nicht im Wahlkampf – sondern am Verhandlungstisch und an der Arbeit einer solchen Koalition in den Jahren danach.“

Nur ein pädagogisches Jugendprojekt und damit Etikettenschwindel?

Als Fußnote noch der „Der andere Blick am Abend“ vom 19.2.2026, mit einer vom Leitenden Datenjournalisten der NZZ Deutschland, Simon Off, vertretenen Sichtweise.

Der Wahl-O-Mat sei als Jugendprojekt konzipiert worden, werde aber von allen Altersgruppen millionenfach genutzt: „Laut einer Befragung der Universität Düsseldorf sind fast 90 Prozent der Nutzer über 30, knapp 60 Prozent sogar älter als 50. Selbst über 70-Jährige sind etwas stärker vertreten als die eigentliche Zielgruppe der unter 30-Jährigen.“ Damit präge dieses steuerfinanzierte Informationsangebot „… faktisch die politische Selbstverortung älterer Wähler.“ Die bpb müsse den Wahl-O-Mat entweder eindeutig als pädagogisches Jugendprojekt ausweisen oder ihn so überarbeiten, dass er den Ansprüchen der gesamten Wählerschaft genügt.

Und weiter aus dem Off: „Einer Institution, die politische Bildung als Staatsauftrag trägt, ist dieser Etikettenschwindel unwürdig. Ein Navigationsgerät, das Millionen Bürgern als Orientierung dient, darf keine versteckte Voreinstellung haben. Sonst verfestigt sich der Eindruck, dass die Behörde strittige Themen bewusst unter den Tisch fallen lässt.“

#PreppoKompakt

Wenn Mann/Frau durch die Nutzung des Wahl-O-Mats jung bliebe, das wäre dann ja so etwas wie der vielgepriesene „Jungbrunnen“. Das Bild übrigens von Lucas Cranach dem Älteren, datiert 1546, ist in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin zu bewundern. Einfach mal Hingeschaut!

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