Kipppunkte beim Klima und bei der Kernkraft

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Die Haltung gegenüber der Kern-/Atomenergie wird mehr und mehr zur Gretchenfrage der Klimapolitik. Hier muss sich die Lernfähigkeit insbesondere von Politikerinnen und Politikern beweisen. Im hinter uns liegenden Bundestagswahlkampf spielten Fragen zur Nutzung der Kernenergie so gut wie keine Rolle. Dabei mehren sich die Stimmen, die eine Dekarbonisierung ohne Kernkraft für undenkbar und Kernreaktoren der neuesten Generation für vertretbar halten. Setzte sich diese Meinung durch, dann stünde unsere Welt Kopf. Es geht um die Kipppunkte.

Kipppunkte im Klima und öffentlicher Meinung

Klimawandel ein brisantes Thema

Ist ein Thema – wie hier mit „Klima, Klima – über allem“ beschrieben – brisant, dann bietet sich ein ständig aktualisierbarer Blog an. So bei Corona und jüngst auch in Bezug auf den Klimawandel. Seit August ist auf faz-net dazu der „Kipppunkt“-Blog installiert.

Rund um das Thema Klima soll über neueste Entwicklungen und Studien informiert sowie wissenschaftliche Fakten und Klimaphänomene erklärt werden. Interessant dabei die Wortwahl, denn wenn etwas kippt, dann ist landläufig alles zu spät. Dabei erweisen sich Vorhersagen/Prognosen über einen längeren Zeithorizont – egal auf welchen Feldern, aber insbesondere beim multikausalen Klimageschehen – zumeist als ungenau.

Dann steht die Welt Kopf

Dekarbonisierung als Chance

Im Beitrag der NZZ vom 27.8.2021 wird die Dekarbonisierung als Chance für Unternehmen begriffen, die auf die veränderten Kundenbedürfnisse eingehen. Zugleich wird in der NZZ vom 24.9.2021 argumentiert, dass eine Dekarbonisierung ohne Kernkraft undenkbar ist und ein Blackout (von uns ausführlich erläutert – siehe Teil I und Teil II), also der großflächige, länger andauernde Stromausfall, schlimmer als Corona wäre.

Tabu-Thema Kernkraft und der Kipppunkt

faz-net vom 21.9.2021 berichtet unter der Überschrift „Das verbotenen Thema. Kernkraft im Wahlkampf“ über eine Allensbach-Umfrage vom Juni, die von Atomkraftbefürwortern in Auftrag gegeben wurde. Im Ergebnis fanden „… 56 Prozent der Befragten den 2011 von Bundeskanzlerin Angela Merkel durchgedrückten Verzicht auf die Atomstromerzeugung nach wie vor richtig … . 25 Prozent sind allerdings vom Gegenteil überzeugt. … Hinzu kommt, dass viele andere Länder nach wie vor auf Atomkraftwerke setzen – nicht sehr lange vor dem Ausstieg hatte auch Merkels schwarz-gelbe Koalition noch eine Laufzeitverlängerung beschlossen. Insgesamt gilt es seither als gesellschaftlicher Konsens, dass die Deutschen keinen Atomstrom mehr wollen.“

Dennoch. „Eine Nation, die bislang schon beim Anblick eines genmodifizierten Maiskorns in Schnappatmung verfiel, hat binnen kurzer Zeit den gesellschaftlichen Nutzen der Gentechnik in Gestalt von Corona-Impfstoffen erkannt. Ich glaube deshalb, dass wir spätestens 2030 begreifen werden, dass das CO2-neutrale Energiesystem der Zukunft dem Leitspruch „Sonne, Wind und Kerne“ folgen wird.“ Dies prognostiziert Prof. Dr. André Thess, wie in unserem Beitrag „Klima, Klima – über allem“ festgehalten – und räumt damit uns Deutschen für diesen Erkenntnisfortschritt noch neun Jahre Zeit ein. Damit wäre der Kipppunkt bestimmt.

Absichtliche Panikmache

Die Versuchung ist wohl groß, die eigene Überzeugung mit Angst- und Panikmache unter die Leute zu bringen. Weltmeisterlich unterwegs damit die „Fridays-for-Future“-Bewegung (FFF) und die Grünen. Wobei Annalena Baerbock – wie von TE am 20.9.2021 zu recht moniert – gewohnt schlampig formuliert sowie denkt, falls überhaupt. Im dritten Triell bastelte sie einen schon sprachlich recht eigenartigen Satz. „Das heißt, Sie sagen einem Kind, das heute geboren ist, das im Jahr 2100 achtzig Jahre ist, sieben Meter Meeresanstieg.“

Ob ein einjähriges Kind der richtige Adressat ist? Davon abgesehen. Selbst das schwärzeste und unwahrscheinlichste Szenario des Weltklimarates (IPCC) für die Meeresspiegelentwicklung beträgt mit 0,60 bis 1,10 Metern rund ein Sechstel dessen, was Baerbock bis 2100 „verheißt“. Dafür ließ sie es sich nicht nehmen, gestern bei der Demonstration von FFF in Berlin vorbeizuschauen.

Apokalyptisches Gedröhne

„Obwohl die Grünen die Klimapolitik zum zentralen Politikbereich erklären, dem sich alles andere unterordnen soll, und für dieses Feld auch die alleinige Kompetenz beanspruchen, operiert ihre Kanzlerkandidatin auch hier nur mit Textbausteinen, flüchtig angelesenen Stichpunkten und apokalyptischem Gedröhne, das vor allem viel Angst erzeugen soll – aber keine Kompetenz in der Sache vermuten lässt.“ So das Fazit von Alexander Wendt auf Tichys Einblick.

Mit klarem Kopf und Verstand

Heike Göbel rät in faz-net vom 24.9.2021 dazu, die während der Koalitionsverhandlungen zu erwartenden Klimakrawalle einfach abperlen zu lassen. „Denn nach der Wahl braucht es keine neuen, plakativen Milliardenzusagen und Verbote. Nötig ist ein Klimakurs, der sich auf drei Kernpunkte konzentriert: auf das marktwirtschaftliche, technologieoffene Wirkenlassen des CO2-Preises über entsprechenden Ausbau des EU-Zertifikatehandels. Zweitens auf das Mitziehen der großen Emittenten China, USA, Indien, ohne die deutsche Anstrengungen verpuffen werden, da unser CO2-Anteil nur wenige Prozent beträgt. Und drittens auf die Frage, wie soziale Härten durch den vorerst Konsum, Mobilität und Wohnen verteuernden Klimaschutz ausgeglichen werden, ohne Sozialbeiträge und Steuern zu erhöhen.“ Eine klare Vorgabe von der ordnungspolitisch geschulten und denkenden FAZ-Redakteurin.

Knack- statt Kipppunkte

Auf der Achse des Guten vom 10.9.2021 hat Günter Ederer – journalistisches Urgestein mit immenser Auslandserfahrung – unter der Überschrift „Klimawandel total“ die Knackpunkte herausgearbeitet. Den Wettstreit der Parteien umschreibt er so mit „Grün, Grüner, am Grünsten“, das IPCC ordnet er als „Alarmistenorganisation“ ein. Er bringt auch die „Illusion vom Vorbild Deutschland“ wie eine Seifenblase zum Platzen.

Und er legt mit dem Hinweis auf die globale Bevölkerungsentwicklung ein nicht nur in Diskussionen bei uns gerne gepflegtes Tabu beiseite – im Blog hier thematisiert. „Das wäre sicher auch ein Beispiel dafür, dass der Mensch tatsächlich für den Anstieg des CO2 verantwortlich ist – einfach, weil jährlich weltweit rund 83 Millionen hinzukommen, also so viele Einwohner, wie Deutschland hat. Dieser potenzielle menschliche Klima-Zuwachs muss dann in die Klimabilanz eingerechnet werden, damit er klimaneutral, also klimaunschädlich aufgefangen werden kann.“

Atomwiedereinstieg

Auf der Achse des Guten vom 23.9.2021 findet sich mit Bezug auf tagesschau.de ein knapper Hinweis darauf, dass Italien den Atom(wieder)einstieg diskutiert. Der Minister für den ökologischen Umbau, Roberto Cingolani, ein Physiker, schließe nicht aus, dass die Kernenergie in Form von Reaktoren der sogenannten vierten Generation nach Italien zurückkehre. Bei diesen sei die Kernschmelze, der größtmögliche anzunehmende Unfall (GAU), physikalisch ausgeschlossen. „Wenn sich … herausstellt, dass diese Reaktoren nur wenig radioaktiven Müll verursachen, dass die Sicherheit hoch und die Kosten pro Megawatt niedrig sind – dann ist es verrückt, diese Technologie nicht in Erwägung zu ziehen“, soll Cingolani gesagt haben.

Reaktoren der vierten Generation

Tags zuvor hat Peter Heller, ebenfalls Physiker, auf Tichys Einblick ausführlich einen Reaktor der vierten Generation beschrieben. Der in China entwickelte Flüssigsalzreaktor geht in Wuweih, im Nordwesten am Rande der Wüste Gobi, in den Probebetrieb. Es ist der erste Thorium-Flüssigsalzreaktor der Welt (Thorium Molten Salt Reactor – Liquid Fluoride 1), im Kürzel TMSR-LF1. Die Ursprünge verortet er in den USA. Dort sei das Konzept in den 1960er Jahren im Labormaßstab erfolgreich erprobt, aber aus politischen Gründen nicht weiterverfolgt worden. „Der TMSR steht exemplarisch für die Fortschrittsbremse, die mit einem allzu großen Einfluss von Regierungen auf den Fortgang technischer Entwicklungen immer einhergeht. Und er zeigt die Idiotie jener Vorstellung auf, die in Verboten einen Innovationstreiber sieht.“

Heller weist noch auf Projekte von größeren Unternehmen und Startups in Nordamerika und Europa hin, die sich mit der Entwicklung von flüssigsalz-, metall- oder gasgekühlten, inhärent sicheren und hocheffizienten Kernreaktoren befassen. Darunter der Dual Fluid Reaktor, ein deutsch-kanadisches Vorhaben. Der chinesische TMSR-LF1 belege die Umsetzbarkeit und Zukunftsfähigkeit solcher Bestrebungen und möge Inspirationsquelle für Investoren, Behörden und Administration sein. Der Kipppunkt könnte dadurch näherrücken.

Und hier geht es zu den Spitzfindigkeiten.

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Was kippt schneller, das Klima oder die öffentliche Meinung in Bezug auf die Nutzung der Kernkraft? Auf der Grundlage von sachlicher Information und einer offenen Diskussion könnte die Kernenergie auch bei uns eine Renaissance erfahren.

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