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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute schauen wir uns lieber das Unwort des Jahres 2025 näher an, zeigen Zähne und nehmen die treffliche Diagnose des kanadischen Premierministers Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos zur Kenntnis.
1. Spitz-findig-keit
Was nun? Im Infobrief des Vereins Deutsche Sprache (VDS) vom 17.1.2026 ist unter der Überschrift „Schuldenbremse ist Unwort des Jahres“ zu lesen:
„Es klingt nach Extra-Geld, bedeutet aber in Wirklichkeit: Schulden. ‚Sondervermögen‘ ist zum Unwort des Jahres gewählt worden. Der Begriff sei ein Euphemismus, eine demokratische Debatte über die Aufnahme von Schulden sei ausgeblieben, obwohl das Wort selbst sehr präsent im öffentlich-politischen Sprachgebrauch war. Man habe das Wort ‚Vermögen‘, das im Alltag ein Guthaben beschreibe, durch das vorangestellte ’sonder‘ umgedeutet, die neue Wortschöpfung wirke daher manipulativ und habe eine Debatte um eine Neuverschuldung unterminiert, heißt es. Auf Platz 2 kam ‚Zustrombegrenzung‘. Das Wort stelle Zuwanderung als bedrohliche Masse dar und entmenschliche Migranten. Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gekürt und soll für einen sensibleren Sprachgebrauch sorgen“.
Hier hat ganz einfach beim VDS das Fehlerteufelchen zugeschlagen – und das gleich zweimal. Denn die Verwechselung des Wortes für Platz 1 wird flankiert von dem verkürzt wiedergegebenen Platz 2, nämlich dem Unwort „Zustrombegrenzungsgesetz“. Im Artikel in „Die Zeit“ vom 13.1.2026, worauf sich der Infobrief bezieht, ist alles richtig vorgegeben. Wir hatten uns im Blog übrigens schon vor drei Jahren in der #98 mit Unwörtern des Jahres beschäftigt.
2. Spitz-findig-keit
Die NZZ vom 6.1.2026 glänzt mit der Besprechung des Buches der polnischen Schriftstellerin und Psychologin Zyta Rudzka aus 2022, das nun letzten Oktober in deutscher Übersetzung erschienen ist. „Lachen kann, wer Zähne hat„*, Friedenauer Presse, Berlin 2025, 252 Seiten, 24 €.
„Die Coiffeuse Wera soll ihren Mann in Würde beerdigen. Doch ihr fehlen dazu die Mittel.“ Das von Lisa Palmes feinfühlig übersetzte Buch „… zeichnet das Porträt einer Überlebenskünstlerin voll tief-derbem Sprachwitz.“
Die Sprache der Protagonistin, „… ob in innerem Monolog oder in oft umwerfend komischen Dialogen, ist derb und drastisch, flapsig und frech, rabiat und verletzend, schlagfertig, witzig. Gelegentlich unflätig. Immer unsentimental und illusionslos. Der Bilderreichtum ist bestechend. Ihre Wahrheiten sind einfach bis zur Weisheit. Mit flinken Sprüchen hält sie sich die Verzweiflung von Leib und Seele.“
Das Buch vermittelt vielfältige Einblicke nicht nur ins Friseurhandwerk – wobei Wera, anders als in ihrem nach allen Seiten offenen Liebesleben, vorrangig Herren bedient -, auch in den Reitsport – ihr Mann war Jockey -, und natürlich ins Eheleben eines kinderlosen, im jeweiligen Beruf stark gebundenen Paares, das – weil es an Gesprächen mangelte – eben auch kein Kulturzentrum gewesen sei.
Ein Detail von Interesse: Die Übersetzerin Lisa Palmes hat selbst den Beruf einer Frisörin ausgeübt. Dies erzählt sie, unter anderem, in einem knapp siebenminütigen, empfehlenswerten Interview im Polskie Radio. In Polen hat „Lachen kann, wer Zähne hat“ in 2023 den höchstdotierten Literaturpreis „Nike“ für Prosa erhalten.

Und es geht doch auch ohne, wie das Foto aus meiner Oberpfälzer Verwandtschaft belegt. In den 1980er Jahren hat laut Familiensaga eine Katze das Gebiss von der Fensterbank mitgehen lassen/entwendet/verschleppt.
3. Spitz-findig-keit
Faz-net vom 21.1.2026 (hinter Schranke) zum bemerkenswerten Auftritt von Kanadas Premierminister Mark Carney tags zuvor beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. „Mit klaren Worten ordnete Carney die aktuellen Veränderungen der Welt ein.“
Hier Auszüge aus seiner knapp 17-minütigen Rede, in der er eingangs den Bruch in der Weltordnung konstatiert, „… das Ende einer angenehmen Fiktion und den Beginn einer harten Realität, in der die Geopolitik – die große, bestimmende Macht – keinen Grenzen, keinen Beschränkungen unterliegt.“ Gleichzeitig betont er, „… dass die anderen Länder, insbesondere Zwischenmächte wie Kanada, nicht machtlos sind. Sie haben die Fähigkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, die unsere Werte umfasst, wie die Achtung der Menschenrechte, nachhaltige Entwicklung, Solidarität, Souveränität und die territoriale Integrität der verschiedenen Staaten. Die Macht der weniger Mächtigen beginnt mit Ehrlichkeit.“
Unter Bezugnahme auf einen Essay von Václav Havel aus 1978 mit dem Titel „Die Macht der Machtlosen“ sagt er: „Man kann nicht in der Lüge des gegenseitigen Nutzens durch Integration leben, wenn die Integration zur Quelle der eigenen Unterordnung wird. Die multilateralen Institutionen, auf die sich die Mittelmächte verlassen haben – die WTO, die UN, die COP -, die Architektur, die eigentliche Architektur kollektiver Problemlösung, ist bedroht. Und infolgedessen ziehen viele Länder die gleichen Schlüsse: Sie müssen größere strategische Autonomie entwickeln – auf Feldern wie der Energie, Nahrung, kritische Mineralien, das Finanzwesen und Lieferketten.“
Mark Carney spricht sich für ein „… dichtes Netz von Verbindungen über Handel, Investitionen, Kultur …“ der Mittelmächte aus. „Die Mächtigen haben ihre Macht. Aber wir haben auch etwas – die Fähigkeit, nicht länger so zu tun als ob, die Fähigkeit, die Realität zu benennen, die Fähigkeit, unsere Stärke in unseren Ländern aufzubauen und gemeinsam zu handeln. Das ist Kanadas Weg. Wir wählen ihn offen und selbstbewusst, und er steht jedem Land offen, das bereit ist, ihn mit uns zu gehen.“
Die gesamte Rede ist auf der einschlägigen Seite des WEF in Englisch nachzulesen. Natürlich auch die Rede von Präsident Trump am 21. Januar – hier -, die über viermal solang ausfiel, wie die von Premierminister Carney.
#PreppoKompakt
Glasklar! Was für die europäischen Staaten gilt, gilt auch für die Mittel- oder Zwischenmächte weltweit. Dies ist, neben all der Egozentrik die Donald Trump und Elon Musk in Davos inszeniert und an den Tag gelegt haben, die zentrale Botschaft (siehe nur die beiden dazu verlinkten Berichte in der NZZ vom 22.1.2026).
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