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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute schauen wir dafür lieber etwas genauer auf das Bauen von Häusern und das Schreiben von Büchern. Und Wahlen sind ja auch noch.
1. Spitz-findig-keit
In Baden-Württemberg wird ein neuer Landtag gewählt. Nachdem ich schon per Briefwahl – bei der Wahl in 2021 hat dies über die Hälfte der Wählerinnen und Wähler ebenso gemacht – meine zwei Stimmen abgegeben habe, brauche ich nur noch gespannt auf die Auszählung warten. Wer möchte, kann die Spannung noch durch die Teilnahme an der Wahlwette auf Tichys Einblick erhöhen. Wahlberechtigt sind rund 7,7 Millionen Menschen, darunter etwa 650.000 Jugendliche, die aufgrund der Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre, erstmals mitstimmen können (ausführlich beschrieben von der Landeszentrale für politische Bildung).
Auch Bayern wählt heute und zwar auf der kommunalen Ebene. „Bei den Gemeinde- und Landkreiswahlen … werden rund 39.500 kommunale Mandatsträger für grundsätzlich sechs Jahre gewählt – in den Gemeinden die ersten Bürgermeisterinnen und Bürgermeister oder die Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister sowie die Gemeinderatsmitglieder, in den Landkreisen die Landrätinnen und Landräte sowie die Kreistage.“ (Ausführlich erläutert auf der Seite vom Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration).
Und in Bayern wird heute getauft. In dem Oberpfälzer Ort, wo auch gemäß der #254 ohne Zähne gelacht wurde, steht die christliche Taufe von Julian an. Wir gratulieren herzlich.
2. Spitz-findig-keit
In der NZZ vom 1.3.2026 (hinter Schranke) wird über Wohlfühlarchitektur, eine Architektur für die Seele, berichtet. Die sogenannte Neuroarchitektur versucht zu ergründen, wie man bauen sollte, damit Menschen sich wohlfühlen. Deren Ziel ist, „… unsere Wohlfühl-Dimensionen Körper, Geist, Emotionen und Verhalten positiv zu beeinflussen“ (siehe hierzu die Übersichtsarbeit in englischer Sprache aus 2023, mit einer Auswertung aller bis dahin veröffentlichten Studien).
Jonas Salk, der Entdecker des Polio-Impfstoffs, hat die Neuroarchitektur mit initiiert. „Als er in den 1950er Jahren die Basilika des Franz von Assisi in Umbrien besuchte, habe er die kreative und anregende Atmosphäre des alten Gemäuers gespürt“. Dem mit dem Bau seines Instituts in La Jolla, Kalifornien, beauftragten Architekten, gab er vor, die Gebäude sollten die Wissenschafter beim Forschen inspirieren.
„Ein Merkmal von Hausfassaden, das besonders stark auf die Psyche zu wirken scheint, ist deren Natürlichkeit. Signalisieren Material, Licht und Komplexität eine Verbindung zur Natur, tut das laut der sogenannten Biophilie-Hypothese der Psyche gut. Um den Eindruck von Natürlichkeit zu erwecken, braucht es dabei aber nicht unbedingt pflanzlichen Bewuchs, etwa mit Efeu oder Weinranken. Auch das Gebäude selbst kann natürlich wirken.“
In der Natur sind runde Formen – wie in Wellen, Wolken, Hügeln und Bäumen – weit häufiger als Ecken und Kanten. „Kurven wirken auf Menschen offenbar anziehender als Winkel.“ Wobei diese Vorliebe, wie Studien belegen, bei weiblichen Probanden stärker ausgeprägt ist. Frauen reagieren offenbar stärker auf äußere Reize, wodurch ein Spaziergang im Grünen bei ihnen einen viel stärkeren Effekt bewirkt, als bei Männern. So Christian Weymayr in der NZZ.
Für besonders Kunstbeflissene und -liebhaber
Bis zum 15. April präsentiert „Die Galerie“ in Frankfurt am Main eine Serie neuer Arbeiten des Malers José Enguídanos. In „Architektur der Seele“ stellt der Spanier das besondere Verhältnis von Architektur und Natur in den Mittelpunkt und verschmilzt beide Elemente in seinem charakteristischen Stil miteinander.
„Mit seinen surreal anmutenden Landschaften gelingt es Enguídanos stets, den Betrachter in einen eigentümlichen Gemütszustand zwischen Verwunderung, Ratlosigkeit und Staunen zu versetzen – und ihn schließlich in seinen Bann zu ziehen. Denn gerade in diesem reizvollen Spannungfeld liegt die besondere Faszination seiner Kunst.“ So der Galeriedirektor Peter Femfert, der zum virtuellen Rundgang durch die Ausstellung ermuntert und auch die Einführungsrede von Dr. Ferran Ferrando Melià, dem Direktor des Instituto Cervantes in Frankfurt am Main, empfiehlt.
3. Spitz-findig-keit
Vier Wochen lang hat mich ein relativ dünnes Buch – mit nur 141 Seiten – fast überall hin begleitet. Beispielsweise ins Hallenbad, wo ich ganz entspannt auf der Wärmebank darin schmökern konnte. Die „Kleine Rhetorik des Schreibens„* von Reinhard Tschapke mit dem Untertitel „Über Sprache und den Mut zum eigenen Satz“ (IFB Verlag Deutsche Sprache, Kamen 2025, 18 €) ist kein Buch, das man „verschlingt“, um es schnell wieder aus der Hand zu legen. Es ist auch kein Buch, das sofort Satz für Satz Wirkung zeigt. Im Gegenteil, es ist ein Buch, das nach sorgfältiger, mehrmaliger Lektüre verlangt. Es ist das Buch eines erfahrenen Journalisten und Rhetoriklehrers, der sich nach einem Zufallsfund im eigenen Gartenhaus nun im 70. Lebensjahr an einem lange geplanten, wie prokrastinierten Objekt erfreuen kann.
Hier keine Buchbesprechung, sondern nur – den Spitz-findig-keiten gemäß – ein aufspießen von ein paar wenigen ernsten und heiteren Punkten. Vorrangig aus dem letzten Buchdrittel, das zudem auch mit einem zweiseitigen Schnelldurchlauf glänzt. Da wären der Rat zur Klarheit vor Schönheit, Inhalt vor Form. Heiße Themen in unterkühlter Sprache und umgekehrt zu beschreiben. Mit eindrucksvollen schlichten Sätzen, dabei nur Einzelheiten, die etwas unterstreichen, überflüssiges hingegen meiden. Auch Ausrufezeichen selten, d.h. nur einmal im Jahr verwenden!
Fehler passieren
Zum Vieraugenprinzip und sich selbst den entstandenen Text laut vorzulesen, wird geraten. Denn wer schreibt, der macht auch Fehler. Der von Walter Jens in Rhetorik geschulte und promovierte Autor hat dabei auch seine eigenen Fehler festgehalten, beispielsweise die Stadt Wuppertal, statt ins Bergische Land, dem Ruhrpott zugeordnet zu haben. Aus fremder Feder dagegen die Bildunterschrift in einer Tübinger Lokalzeitung „Prof. X (links)“. Dabei ist auf dem Bild der Germanistik-Professor, der bei uns auf der Schwäbischen Alb Mini-Esel züchtet, mit einem dieser Exemplare zu sehen. Oder die Formulierung in einer Todesanzeige „im Sinne der Verdorbenen“ und die Stellenanzeige „Junger Mann zum Schlachten gesucht“.
Abschließend ein etwas schlüpfriger Ausrutscher eines Jungredakteurs, der ein imaginiertes Zusammentreffen von Dieter Bohlen und Luciano Pavarotti, mit der Aussage verknüpfte, ja, beide waren schon einmal in Verona. Gemeint ist Verona Feldbusch/heute Pooth, die ein Jahr mit Bohlen verheiratet war. Reinhard Tschapke fragt, was sich der Kollege dabei gedacht haben mag. Und gibt mit dem Spruch von Karl Kraus, es genüge nicht keine Gedanken zu haben, man müsse auch unfähig sein, sie ausdrücken, die spitze Antwort.
Widmung
Unserer lieben Freundin Monika gewidmet, die heute im Kreise der Familie Geburtstag feiern kann.
#PreppoKompakt
Den Ehemann von Monika kennen wir von unserer Seite, wo er unter dem Kürzel HF etliche Beiträge beigesteuert hat. So sein vehementes Eintreten für Nachhaltigkeit und Resilienz, seine Publikationen zur ökologischen/naturwissenschaftlichen Ökonomie sowie die kritische Auseinandersetzung mit der vorherrschenden Geldpolitik (siehe beispielhaft Die Geld-Un-Ordnung, Teil III). Seine eigene berufliche Vergangenheit, u.a. als Lokal-Journalist im Raum Tübingen, prädestiniert ihn geradezu für die aufmerksame Lektüre des Fachbuches von Reinhard Tschapke. Nicht auszuschließen zudem, dass beide sich kennen.
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