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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute beschäftigen wir uns dafür lieber mit den Maßen des Bundeskanzlers und woran er noch gemessen wird. Und wir bedauern, dass wir die immer schneller laufende/tickende Schuldenuhr nicht einfach, wie Friedrich Hebbel, anhalten können.
1. Spitz-findig-keit
Die NZZ vom 22.11.2025 bringt es mit einem Kommentar zu Bundeskanzler Merz auf den Punkt: „Am 11. November wurde Friedrich Merz 70 Jahre alt. Er ist jetzt ein halbes Jahr Regierungschef. Es könnte sein, dass er der längste Kanzler (1,98 Meter Körpergrösse) der Bundesrepublik wird mit der kürzesten Regierungszeit.“
Der Kommentator ist kein Unbekannter. Hans-Hermann Tiedje war Chefredakteur von ‚Bild‘ und persönlicher Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl (mit 1,93 m Länge). Dabei drängt sich ebenso der Vergleich mit Konrad Adenauer (1,87 m) und Charles de Gaulle (1,95 m) auf, zwei wahrlich großen Staatsmännern (in der #236 beschrieben). Kurt Georg Kiesinger (mit seinen 1,91 m) wiederum war knapp drei Jahre lang Bundeskanzler der ersten „Großen“ Koalition, die diesen Namen noch zurecht trug.
„Noch hat Merz nicht verloren, aber das Land schon wieder ein halbes Jahr. Noch ist Merz nicht gescheitert, aber es wird Zeit, dass er zum Macher wird, wenn er es denn kann. Mit Grosskanzlern wie Adenauer oder Kohl wird er nicht konkurrieren, dafür ist er schon zu alt. Aber er könnte sich ein Vorbild nehmen: Der letzte Kanzler, der für Deutschland etwas Grosses geleistet hat, war Gerhard Schröder. Von 2002 bis 2005.“
2. Spitz-findig-keit
Machen wir es einfach wie Friedrich Hebbel 1846 in Wien, der heute genau vor 179 Jahren die Uhr anhielt, dafür aber ein schlechtes Gewissen bekam (im „Buch der Tagebücher“ S. 559; zur Person S. 631; bei uns schon in den #135, 197 und 200 verarbeitet).
„Über Nacht konnte ich nicht schlafen, weil die Uhr mich störte. Ich stand um 1 Uhr auf und hielt sie an. Sowie sie stillstand, hatte ich ein Kleinkinder-Gefühl. Ich emfand nämlich eine Art Reue, aus Mitleid entspringend, mir war, als hätte ich sie gemordet.“
3. Spitz-findig-keit
Beim Bundeshaushalt fürs Jahr 2026 tickt die Schuldenuhr dafür unaufhaltsam. Rein vom Zahlengerüst lässt er sich dank großzügigem auf- und abrunden gut einprägen: 525 Milliarden € Ausgaben stehen 425 Mrd. Einnahmen gegenüber, was eine Nettokreditaufnahme von 100 Mrd. bedeutet. Zu der kommen noch die Sondertöpfe für Bundeswehr und Infrastruktur in Höhe von zusammen 80 Mrd. hinzu. Die beiden größten Haushaltsposten von den 525 Mrd. sind Arbeit und Soziales mit 200 Mrd. und Verteidigung mit 80 Mrd. €.
„Ein Haushalt mit enormer Sprengkraft“ titelt faz-net am 25.11.2025. Während die drei Oppositionsparteien ihn total zerrissen, hob Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hervor, dass „… es erst einmal Investitionen in die Zukunftsfähigkeit und die Modernisierung unseres Landes“ sind. Zugleich räumte er ein, „… dass das alles noch nicht reicht.“ Unionsfraktionsvize Mathias Middelberg unterstrich, dass „… ein Fünftel aller Ausgaben aus dem Kernhaushalt und den Sondervermögen in Investitionen“ fließe und „… annähernd 30 Prozent der Ausgaben mit Krediten finanziert werden“. Dies sei gegenwärtig vertretbar, dürfe aber kein Dauerzustand werden. Man müsse zielgenau in Bildung, Forschung, Digitalisierung und Verkehr investieren und auch die notwendigen strukturellen Reformen angehen.
Beschlossen wurde das Ganze letzten Freitag im Bundestag in namentlicher Abstimmung mit 322 zu 252 Stimmen. Nun muss nur noch am 19. Dezember der Bundesrat mehrheitlich zustimmen.
#PreppoKompakt
Im nächsten Frühjahr, wenn dafür die Zeit bleibt, sollte Mann/Frau kritisch auf die Arbeitsergebnisse der Großen Koalition schauen. Es ist einfach nur fair, den Leuten das Jahr zu geben, damit sie in diesen wahrhaft schwierigen und turbulenten Zeiten zeigen können, ob sie regieren können – oder aber nicht.


