Spitz-findig-keit #248

6 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute machen wir uns dafür im weitesten Sinne Gedanken über die Entwicklung der Demokratie.

1. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 7.12.2025 (hinter Schranke) mit Aussagen von Seyla Benhabib, der neuen Hannah-Arendt-Preisträgerin, zur Entwicklung der Demokratie in den USA und weltweit. Dieser Preis wird ihr nächste Woche in Bremen verliehen, schon letztes Jahr hatte die New Yorker Philosophin mit türkischen Wurzeln für ihr Schaffen den Theodor-W.-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt am Main erhalten.

Hannah Arendt beschreibt sie als „Zeitzeugin“, die das schreckliche 20. Jahrhundert mit seinen Höhen und Tiefen selbst durchlebt hat. Keine Denkerin, eher eine Essayistin und eine gute Schriftstellerin sei sie gewesen, mit einem hellsichtigen Gespür für langfristige politische Tendenzen. „Ich bin sicher, dass sie sich gewünscht hätte, der Israel-Palästina-Konflikt wäre endlich beendet, so wie sie sich gewünscht hätte, dass die amerikanische Republik nicht in einen so raschen Niedergang gerät.“

Soziale Medien seien infolge ihres weltweiten Aufkommens kaum zu kontrollieren und korrigieren, Lügen hätten die Tendenz zu zirkulieren und sich selbst zu verstärken. Es brauche unbedingt guten Journalismus und ein klares Bekenntnis zur Wahrheit. Und die Bürgerinnen und Bürger brauchten ein gesundes Urteilsvermögen, aber die Bildung stehe ja ebenfalls unter Beschuss.

Demokratie sei „… eine Form der Ausübung von Macht durch Gleiche über Gleiche, indem man sich gegenseitig überzeugt, was gemeinsam getan werden muss … .“ Viel mehr Aufmerksamkeit müsse man daher auf die Kräfte richten, die dieses alte Ideal in unseren komplexen Gesellschaften untergraben.

„Der populistische Backlash macht den Migranten zum Sündenbock, bis klar wird, dass nicht der arme Migrant verantwortlich ist für den Aufstieg dieses kleptokratischen, von Gier getriebenen Kapitalismus, der durch die Fortschritte der KI-Technologie blind geworden ist. In den USA sehen wir die Verwandlung des Staates in ein mafiöses Unternehmen, die der Bereicherung der Trump-Familie dient. Es gibt kein Gefühl für öffentliche Ehre und Anstand. Unter diesen Umständen hätte Arendt vielleicht beschlossen, die USA zu verlassen!“

Das Gespräch mit Prof. Seyla Benhabib führte Tania Martini. Zu Hannah Arendt gibt Wikipedia ausführlich Auskunft.

2. Spitz-findig-keit

„Der andere Blick am Morgen“ der NZZ vom 9.12.2025 fördert eine beleidigte Leberwurst zu Tage.

„Der moderne Marktplatz nennt sich ’soziale Netzwerke‘, und er kann ein unwirtlicher Ort voller Pöbler sein. In den vergangenen Jahren wurde es einigen prominenten Politikern denn auch zu bunt mit den vielen Beleidigungen im Netz: Sie wehrten sich, indem sie Strafanzeigen wegen Beleidigung stellten; teilweise ermittelte das Bundeskriminalamt von sich aus – wenn nämlich eine Politikerbeleidigung nach Paragraf 188 des Strafgesetzbuchs vorlag. Man denke nur an die ‚Schwachkopf-Affäre‘ um Robert Habeck.“

Dieser ließ die Agentur „So Done“ gezielt nach Beleidigungen im Netz suchen, Strafanträge stellen und Schmerzensgelder beitreiben (wir hatten dies in der #193 im PreppoKompakt aufgespießt). Wie nun bekannt wurde aber offenbar auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Zeit als Oppositionsführer in Hunderten von Fällen.

„Doch gibt es Dinge, die ein Mensch in einem öffentlichen Amt aushalten sollte. Die sozialen Netzwerke haben einen zunehmend negativen Einfluss auf den öffentlichen Diskurs, sie befördern Polarisierung und Unversöhnlichkeit, sie sind ein Fass ohne Boden. Warum Öl ins Feuer giessen? Wäre Ignorieren nicht souveräner? … Die Schaffung eines zusätzlichen Instruments, das Politiker persönlich gegen Bürger einsetzen können, hat einen kontraproduktiven Effekt: Anstatt den kaputten Diskurs zu heilen, verstärkt es das Misstrauen der Bürger gegen den Staat.“ So schätzt es richtigerweise Sebastian Lange ein.

3. Spitz-findig-keit

Andy Warhol zum Gedenken an John Lennon, heute vor genau 45 Jahren in New York; entnommen dem hier oft genutzten „Buch der Tagebücher“ (S. 581 und zur Person S. 662). Der 40 Jahre alte Ex-Beatle war am Abend des 8. Dezember 1980 am New Yorker Central Park vom geistig verwirrten Mark David Chapman mit einem Revolver erschossen worden.

„Während der Schweigeminuten, in denen John Lennons gedacht und für seine Seele gebetet werden sollte, saß ich in einem Taxi mit einem schwarzen Fahrer. Er hatte einen schwarzen Sender eingeschaltet. Der Diskjockey unterbrach das zehnminütige Schweigen mit den Worten: ‚Wir sind da oben bei dir, John.‘ Der Fahrer lachte und sagte: ‚Ich nicht, Baby, ich bleibe hier unten.'“

Und hier geht es genauso weiter.

#PreppoKompakt

Auf dem Boden (der Tatsachen) bleiben – ein guter Tipp für den Alltag und die Politik gleichermaßen!

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