Spitz-findig-keit #263

6 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute geht es dafür ums Glück und wo es zuhause ist (wie u.a. in der #159), um einen mann- und zauberhaften Berg (wie schon hier) und um von späten Einsichten verfolgte Lebenslügen. Schließlich – dieser eine Satz muss genügen – um die jährlich wiederkehrende Zeitumstellung, eine „unendliche“ Geschichte (siehe nur #211), die unsere angeborene menschliche Hoffnung Jahr für Jahr strapaziert.

1. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 19.3.2026 berichtet einschließlich eines kurzen Videos (beides hinter Schranke) über die glücklichsten Menschen der Welt: die Finnen. Schon in der #210 hatten wir festgehalten: „Das Land im hohen Norden Europas sichert sich die Topplatzierung in der weltweiten Glücksrangliste auch im achten Jahr in Folge … .“ Nun also schon zum neunten Mal. Und auch bei uns Deutschen geht es voran: „Von Rang 22 im vergangenen Jahr auf Platz 17.“

Was ist das Rezept der Finnen? „Humor und Gelassenheit seien auf jeden Fall eine Antwort, sagt Jan-Emmanuel De Neve, einer der Autoren des diesjährigen Weltglücksberichts. ‚Die Finnen sind nicht besessen davon, unbedingt glücklich sein zu wollen‘, erklärt er. ‚Sie sind offensichtlich sehr zufrieden und dankbar für alles, was sie haben, und sie nehmen sich selbst in dieser Hinsicht nicht allzu ernst, was ihnen wiederum hilft, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen.'“

Also, liebe Landsleute, lernen wir von den Finnen.

2. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 19.3.2026 titelt (hinter Schranke): „Thomas Manns ‚Zauberberg‘ bleibt ein Publikumsliebling.“ Das habe „… nicht nur inhaltliche Gründe.“ Einen Beitrag zur aktuellen Begeisterung zumindest der lesenden Masse liefere auch die „… Jahreszahlen-Bewirtschaftung. 2024 wurde sein ‚Zauberberg‘ hundert, er selbst feierte letztes Jahr seinen Hundertfünfzigsten. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.“ Die Flamme brennt, „… selbst wenn die Feste nicht mehr fallen, die Mann-Inflation kein Ende kennt.“

Und „… ein Volk braucht seine Dichter und Denker. Wenn sie, wie im Falle von Thomas Mann, dann auch noch all das Gute und das Schlechte des eigenen Landes verkörpern, umso besser. Eine liberale Selbsterzählung der Bundesrepublik bleibt ohne ihn schließlich undenkbar – das ist seine Aktualität.“ So Nikolai Ott über einen Klassiker der Literatur.

Wir haben dies intuitiv beherzigt und Thomas Mann in den #63, #216 und #220 die gebührende Ehre und Aufmerksamkeit erwiesen.

3. Spitz-findig-keit

Die alten „Griechen/Graichen“ werden doch noch einsichtig und geben uns – nachdem sie die Platte geputzt und alle ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben, siehe nur #185 – den Rat, „den ‚alten Kampf‘ der Erneuerbaren gegen die Atomkraft zu beerdigen.“ Diese eher „beiläufige“ Bemerkung ist im „Der andere Blick am Morgen“ vom 26.3.2026 unter der Überschrift „Der Kampf gegen die Atomkraft ist eine Lebenslüge“ festgehalten.

„Unter der Federführung von Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen schaltete Deutschland seine letzten sechs Meiler ab, kein Ukraine-Krieg und keine Gaskrise konnte daran rütteln. … Nach dem Kahlschlag kommt der Kater.“ So Morten Freidel, stellvertretender Chefredakteur NZZ Deutschland, der diese Aussage von Graichen in einem umfänglichen Interview der Wirtschaftswoche vom 6.3.2026 nicht, wie vermutlich viele andere, einfach überlesen hat.

Nur als Erinnerungsstütze: Graichens damaliger Chef war Robert Habeck, seines Zeichens hauptberuflich Märchenerzähler, und die Außenministerin, gelernte Trampolinspringerin, hieß Annalena Baerbock. Kurz gefaßt, die haben das im Wesentlichen zusammen verbockt/-beckt. Fraglich, ob weit vom Tatort entfernt – Baerbock präsidiert in New York und Habeck lehrt, relativ nah in Kopenhagen – genügend Zeit und Raum für späte Einsichten zur Verfügung stehen.

#PreppoKompakt

Über das sparringpartnerhafte Zusammentreffen mit Julian Barnes – uns bekannt aus #262 – bei der Eröffnung der Kölner Literaturmesse „Lit.Colongne“ am 8.3.2026 hat faz-net berichtet: „Habeck sagte im Habeck-Sound kluge Dinge über die politische Kommunikation oder die Vorteile des Blickes von außen … aufs eigene Land. Aber es waren doch Barnes’ mit britischem Esprit vorgetragene Gedanken, die den Abend prägten. Mal bezogen sie sich auf das eigene Schreiben, das ein ‚Hy­brid‘ aus Fiktion, Autobiographie und Essay sei. … Mal ging es doch um Politik. Barnes beklagte den ’schrecklichen Fehler‘ des Brexits, die Ignoranz des ‚mad orange man‘ in Washington (mit der ‚Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfischs‘) und das um vierzig Jahre verspätete Wahrwerden der Prophezeiungen in George Orwells ‚1984‘, denn tatsächlich gebe es mit China, Russland und den USA nun, ähnlich wie im Buch, drei paranoide tyrannische Machtblöcke in der Welt. Da müsse Europa stark bleiben.“

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