Spitz-findig-keit #38

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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstösse zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitz-findig-keit #38

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

In einer Woche, wo in Berlin die alte Führungsriege geht und eine neue kommt, kommen wir auch bei den Spitzfindigkeiten schwerlich an der Politik vorbei. Als eleganten Übergang sozusagen von Alt zu Neu haben wir Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) bemüht, der uns auf den Zusammenhang von natürlichem/gesundem Menschenverstand und Bildung hinweist – und sich übrigens als „Schüler und Vollender“ Kants sah.

1. Spitz-findig-keit

16 Jahre Bundeskanzlerin Angela Merkel: Anstelle vieler Worte nur zwei Kurven – gut/schlecht – mit 10 Punkten (entnommen der NZZ vom 7.12.2021 auf Grundlage des Politbarometers der Forschungsgruppe Wahlen mit Sitz in Mannheim).

Fairerweise muss man sagen, und prägnanter als Eric Gujer, der Chefredakteur der NZZ am 8.12.2021, kann man es gar nicht formulieren: „Sie gab dem Volk, was es wollte – Wer die Bilanz dieser Ära zieht, darf Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Das Volk wählt Kanzler oder Kanzlerin, nicht umgekehrt. Wer so lange unangefochten regierte, hat dies in Übereinstimmung mit der Mehrheit getan.“

In den NZZ-Artikel mit über 300 lesenswerten Kommentaren – bunt gemischt Pro Merkel, Kontra Gujer und vice versa – sind 30 aussagekräftige Bilder aus dem Leben Angela Merkels integriert. Gleich das erste zeigt sie zusammen mit zwei Mitschülerinnen: „Die 18-jährige Angela Kasner (ganz links) war eine exzellente Schülerin. Dazu sagte sie später einmal: ‚Die Schule machte mir überhaupt keine Schwierigkeiten. Mathe nicht, Russisch nicht, Deutsch nicht – weder Naturwissenschaften noch Sprachen. Ich habe ein sehr gutes Kurzzeitgedächtnis und ein etwas schlechteres Langzeitgedächtnis.'“

2. Spitz-findig-keit

„Denn natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand.“ So Arthur Schopenhauer – hier nachzulesen. Dabei wird der Begriff „natürlicher“ landläufig mit „gesundem Menschenverstand“ gleichgesetzt. Dieser ist die Grundvoraussetzung für Bildung, zugleich aber nicht auf sie angewiesen. Aus der klaren Rangordnung ergeben sich verschiedenste Fragen – beispielsweise, was ist der Unterschied zur Bauernschläue? Und vor allem, was ist dem gesunden Menschenverstand förderlich? Was folgt daraus für die Bildungspolitik? Wem gereicht diese Reihenfolge zum Trost? – die wir hier nicht zu beantworten vermögen.

3. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 6.12.2021 erklärt (hinter Schranke) eine ausgeprägten Diskrepanz zwischen Fremd- und Selbstwahrnehmung mit dem sogenannten Impostor-Syndrom. Dieses Persönlichkeitsmerkmal tritt bei hoch qualifizierten Menschen mit erstaunlichen Bildungsbiographien auf, die sich und ihr Können regelmäßig infrage stellen. Laut Studien sind in hoch professionalisierten und akademisierten Branchen davon 50 bis 70 Prozent betroffen. Laut Sonja Rohrmann, Professorin für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Goethe-Universität Frankfurt, keine Krankheit, sondern eine ganz bestimmte Sicht auf sich selbst. „Diese Menschen glauben, Hochstapler zu sein und andere zu täuschen. Objektiv betrachtet ist das aber Unsinn, denn sie sind sehr erfolgreich. … Eigentlich sind sie Tiefstapler.“

Zwei bissige Kommentare dazu (von lediglich sieben): „Tja, die einen plagen sich trotz Fähigkeiten und Kompetenzen mit ihrem Impostor-Syndrom, die anderen werden Spitzen-Politiker.“ Und: „Keine erkennbaren Fähigkeiten, niemals beruflich nennenswerte Leistungen gezeigt, aber überragendes Selbstbewusstsein. Traut sich höchste Ämter zu. Solche Fälle soll es sogar in der Politik geben.“

Die Köpfe der neuen Bundesregierung, kurz Ampel

Und das sind die neuen (H)Ampelmänner (9) und -frauen (8) bei der Ernennung und Vereidigung. Mit wenig Elegantem, dafür einem als vorteilhaft gesehenen Mangel an Glätte und Geschicklicheit. So beschrieben in faz-net vom 8.12.2021 unter dem Titel „Der Stil des neuen Kabinetts“ – das H dabei hinzugefügt durch eine von gar nur zwei Lesermeinungen. 8 mal Rot, 5 mal Grün und 4 mal Gelb: unsere dreifarbige Bundesregierung, jünger und weiblicher, jeweils mit Kurzcharakteristik und Bild vorgestellt in faz-net vom gleichen Tage (allerdings hinter Schranke).

Von 736 nimmt die Ampelkoalition 416 Sitze ein, wobei am Mittwoch sechs Abgeordnete daraus fehlten. Olaf Scholz, der 9. Bundeskanzler, erhielt bei seiner Wahl 395 Stimmen, 15 weniger als von der Ampel im Plenarsaal anwesend. Und man vernahm bei der Vereidigung kein „So wahr mit Gott helfe“ vom neuen Kanzler – so wie auch schon Gerhard Schröder (die anderen sieben Amtsvorgänger hatten sich auf Gott berufen). „Sieben seiner Ministerinnen und Minister taten es ihm gleich. In keinem Fall war man verwundert.“ So kommentiert vom FAZ-Herausgeber Berthold Kohler unter der Überschrift „Schon am ersten Tag fehlen Scholz Stimmen“ am besagten 8. Dezember.

Hier geht es weiter zu einer Sicherheitslücke in der Informationstechnik.

#PreppoKompakt

Geben wir der neuen Bundesregierung eine faire Chance. Das notwendige Selbstvertrauen bringen die meisten Mitglieder schon mit. Meiner Generation wurde ja auch in der Jugend anerzogen, „Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott“. Genauso sollten wir mit gesundem Menschenverstand analysieren, was in der Ära Merkel schiefgelaufen und zu verbessern ist. Stichworte: offene Diskussionskultur, geradlinige und für alle verläßliche Politik, vernünftige Amtszeitenbegrenzung, angemessene Größe unserer Volksvertretung, saubere Gewaltenteilung – um nur ein paar Handlungsfelder zu benennen.

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