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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute gibt es dafür unter den Spitzfindigkeiten eine „Sonderausgabe“ in eigener Sache. So wird ein von der Stadtverwaltung Albstadt initiiertes „Zeitzeugeninterview“ wiedergegeben, das anläßlich des Jubiläums „50 Jahre Albstadt“ zum 1.1.2025 vom Stadtarchiv eingefahren wurde. Nachdem die offizielle Publikation – hier auf der Albstadtseite – rund 1 1/4 Jahre auf sich warten ließ, ist auch der veröffentlichte Umfang zusammengeschrumpft. Dies hat mich dazu bewogen, im Blog die ursprüngliche Fassung zu bringen.
Spitz-findig-keit
Herr Dr. Jürgen Gneveckow (CDU), ehem. Oberbürgermeister (1999-2015)
Was hat sich Ihrer Meinung nach durch die Gründung Albstadts in den letzten Jahren am stärksten verändert?
Zunächst einmal zolle ich Dr. Hans Hoss, Horst Kiesecker und Hans Pfarr großen Respekt. Sie haben die Gründung ermöglicht bzw. die Fundamente für die Fortentwicklung gelegt und die Weichen richtig gestellt. Vieles andere wurde dadurch zum Selbstläufer. So ist eine wirtschaftlich potente Stadt entstanden, die mehr ist als die Summe ihrer Teile und die damit auch Krisen besser überstehen und bewältigen kann.
Wir haben zudem eine Größenordnung, die es ermöglicht, Aufgaben der Daseinsfürsorge effizienter zu erfüllen. Auch unsere Städtepartnerschaft mit Chambery wurde so angemessen bedienbar. Und obwohl die neun Ortsteile ihre Ursprünglichkeit bewahren konnten, hat sich behutsam von Laufen, über Pfeffingen bis Onstmettingen ein Albstädter Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Die größte Stadt im Zollernalbkreis kann weiterhin mit selbstbewussten Bürgerinnen und Bürgern aufwarten.
Was macht für Sie die Albstädter Identität aus?
Es lebten hier seit alters her anständige, fleißige Menschen, die sich harter Arbeit und dem Wettbewerb stellten, mit viel Unternehmergeist. Klassenunterschiede, sofern man überhaupt davon sprechen kann, spielten keine Rolle, ebenso wenig die Herkunft, Kenntnisse der deutschen Sprache vorausgesetzt.
So war ich immer stolz darauf, wie gut sich bei uns die sogenannten Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Griechenland, wie auch der Türkei integriert haben. Auch heute noch denkt und agiert die Mehrzahl der Albstädter – schließlich sind wir Schwaben – pragmatisch und sparsam.
Was gefällt Ihnen in Albstadt am besten?
Ich mag sehr das kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs entstandene Ebinger Rathaus. Nicht nur weil ich die Stadt von dort aus ins neue Jahrtausend führen und ganze sechzehn Jahre lang darin arbeiten durfte. Die klare Architektur, die üppige Ausstattung mit Skulpturen, Wandgemälden und Glasfenstern, worin auch der Stolz auf die lokale Wirtschaftskraft zum Ausdruck kommt, sowie die Entstehungsgeschichte sind beeindruckend.
Haben Sie einen Lieblingsort in Albstadt?
Nein, so ich in Tailfingen geboren und in Ebingen aufgewachsen bin, in Lautlingen gewohnt und später weitere Ortswechsel vollzogen habe. Wenn überhaupt, dann würde ich von Lieblingsplätzen – hochgelegenen Aussichtspunkten wie dem Böllat und dem Zellerhorn – sprechen.
Mit welchen (Verkehrs-)Mitteln bewegen Sie sich bevorzugt fort?
Wo immer es in Ebingen geht zu Fuß, also per pedes. Ich bin im Gegensatz zu meinem geschätzten Vorgänger Hans-Martin Haller kein Radfahrer, weil ich zur Erstkommunion von meinen Eltern ein Rad ohne Gangschaltung bekommen habe und deshalb Freunden immer nur hinterher gestrampelt bin.
Für den Einkauf von Lebensmitteln ab gewissem Volumen benutze ich ein Auto. Und ich setze darauf, im nächsten Jahrzehnt auch die Talgangbahn nutzen zu können, die nicht nur innerstädtisch, sondern auch für die Anbindung der Stadt ins Ländle und darüber hinaus künftig ein Segen sein wird.
Wie gefällt Ihnen das Freizeitangebot/Bildungsangebot?
So vielfältig wie die Natur um uns herum ist auch die Bäder-, Museums- und Schullandschaft, die Volkshochschule (VHS) eingeschlossen. Und natürlich die Hochschule Albstadt-Sigmaringen, auf die ich noch speziell eingehen werde.
Im Bildungsbereich kommt es sehr stark auf ein gutes Zusammenspiel mit dem Landratsamt in Balingen und dem Kultusministerium in Stuttgart an. Mit der Zweigstelle des Staatlichen Seminars für Didaktik und Lehrerbildung in Margrethausen und dem für die Kreise Sigmaringen und Zollernalb zuständigen Staatlichen Schulamt in Ebingen ist die Verzahnung gegeben. Und mit dem Beruflichen Schulzentrum Albstadt – der Walther-Groz-Schule – offeriert der Landkreis mit Naturwissenschaft, Hauswirtschaft und Ernährung, Soziales und Wirtschaft wichtige Bildungsangebote.
In unserer reichhaltigen Museumslandschaft hat sich in den letzten Jahren ein sanfter Generationswechsel vollzogen. Altbewährte Kräfte konnten ihr Wissen an Jüngere weitergeben, wodurch diese nun dem musealen Auftrag des Bewahrens und Tradierens umso besser gerecht werden können. An Vielfalt kaum zu übertreffen.
Welche Berühmtheiten verbinden Sie mit Albstadt?
Ich würde hierzu vier Personen zählen: Erstens, Phillip Matthäus Hahn, der „Mechanikerpfarrer“ und Erfinder der Neigungswaage. Er hat während seiner Zeit in Onstmettingen (1764-1770) den Grundstock für unseren Werkzeug- und Maschinenbau gelegt.
Zweitens, zusammen mit seinem Bruder Berthold hat Claus Schenk Graf von Stauffenberg die „Lautlinger Leitsätze“ für eine Zeit nach Adolf Hitler entwickelt. Er hat zudem am 20. Juli 1944 den Mut bewiesen, den „Führer“ in dessen Hauptquartier Wolfschanze zu töten und, nachdem das Attentat misslang, dafür mit seinem Leben bezahlt.
Drittens, der 1904 in Ebingen geborene Kurt Georg Kiesinger, langjähriger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und dritter Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (1966-1969). Mit der ersten Großen Koalition hat er im Bundeskanzleramt bis dato unangefochten die kürzeste aller Amtszeiten, genau 1055 Tage, hingelegt. Seine Heimat und Herkunft blieben ihm wichtig, so hat er unter großer öffentlicher Anteilnahme seinen 80. Geburtstag in Albstadt gefeiert. Zu seinem 100. Geburtstag haben wir einen Festakt und ein hochrangig besetztes wissenschaftliches Symposium veranstaltet.
Und viertens Walther Groz, Nadelfabrikant und von 1948 bis 1960 weitsichtiger Ebinger (Ober)Bürgermeister. Das heute noch in seiner ursprünglichen Form existierende Hallenbad aus dem Jahre 1956 und die Rensch-Orgel in der Martinskirche – die erstmals 2002, zwei Jahre nach seinem Heimgang erklang – hat er gestiftet.
Wie bewerten Sie das Engagement der Jugend/im Ehrenamt in den letzten Jahrzehnten Albstadtgeschichte?
Mitgliederstarke Vereine und beflissene Vereinsführungen haben Albstadt geprägt, in der Musik, im Sport, im Freizeit-, sozialen und wirtschaftlichen Bereich. Damit gewährleisten sie von Kindesbeinen an Gemeinschaftserlebnisse und lassen auch Nichtvereinsmitglieder teilhaben. Der städtischen Vereinsförderung – nicht nur monetär – fällt damit eine besondere Bedeutung zu.
Die acht Einsatzabteilungen unserer Freiwilligen Feuerwehr haben ehrenamtlich in dem halben Jahrhundert in tausenden von Einsätzen tadellos gearbeitet. Die annähernd gleiche, ansehnliche Kopfzahl in der Altersabteilung und Jugendfeuerwehr signalisiert die notwendige Ausgewogenheit. Zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und dem Technischen Hilfswerk (THW) waren, sind und bleiben sie für die Sicherheit und darüber hinaus für den Zusammenhalt in unserer Stadt lebenswichtig.
Welche ist Albstadts größte Errungenschaft bisher?
Von meiner Warte aus die Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Heinrich Haasis, der am 21. April 2025 seinen 80. Geburtstag feiert, hat sich für den Doppelstandort mit Sigmaringen stark eingesetzt. Egal wo er sich in die Pflicht hat nehmen lassen, ob in Balingen, Stuttgart oder Berlin, egal in welcher Funktion, ob als Landrat, Landtagsabgeordneter oder Sparkassenpräsident, seine Arbeit war tadellos. Mittels Hochschule sind wir in Fächern wie Wirtschaft, Technik, Informatik und Life Science am Puls der Zeit und über die Studentinnen und Studenten aus vieler Herren Länder auch international gut vernetzt.
Die Instandsetzung der Traufgänge im Jahre 2010 ist als einer der großen Erfolge in Ihrer Amtszeit zu verzeichnen. Wie würden Sie den Weg bis ans Ziel dieser Errungenschaft beschreiben? Haben sich die Mühen gelohnt?
Dank tüchtiger Mitarbeiter und einem aufgeschlossenen Gemeinderat konnten wir frühzeitig auf den Zug zur Zertifizierung von Premiumwanderwegen aufspringen. Wir haben einfach das Potenzial dafür auf unserer großen Gemarkung erkannt, es gezielt genutzt und auch auf der Touristik-Messe CMT in Stuttgart vermarktet. Dies hat unseren Bekanntheitsgrad immens gesteigert und wir haben auch eine Art Vorreiterrolle für unsere Nachbarn, wie zum Beispiel Meßstetten, übernommen.
Welche prägenden Ereignisse verbinden Sie mit Ihrer Amtszeit?
Die globale Finanzkrise 2008/2009 hat uns vor große Herausforderungen gestellt. Wir haben sie in der Stadt mit einem strikten Haushaltskonsolidierungsprogramm in den Griff bekommen, wozu auch die Deckelung der Personal- und Sachkosten und der Investitionen gehörte. Der Gemeinderat hat sich dabei gegenüber der Verwaltung als ein harter, aber fairer Verhandlungspartner erwiesen, wobei auch die von Konsolidierungsmaßnahmen Betroffenen in der Mehrzahl einsichtig waren.
Warum ist ein Leben in Albstadt für Sie „weit über normal“?
Die Höhenlage von 571 bis 982 Metern über dem Meeresspiegel dient in diesem trefflichen Slogan als Maßstab. Natur und Wirtschaft, sprich Freizeit und Arbeit, sind bei uns leichter in Einklang zu bringen. Kurze Wege und trotz ländlicher Idylle eine gute Infrastruktur mit einem reichhaltigen kulturellen Angebot sind Vorzüge, mit denen man gerade auch im fortgeschrittenen Alter punktet.
Was muss jetzt in Angriff genommen werden, um auch in Zukunft ein „Leben weit über normal“ zu gewährleisten?
Das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Kommune weiter stärken sowie Zuversicht/Optimismus verbreiten. Das Jubiläumsjahr mit den diversen Veranstaltungen bietet dafür beste Voraussetzungen. Es gilt, an der nachhaltigen Stadtentwicklung weiterzuarbeiten, Bildungsmaßnahmen zu priorisieren, die Verwaltung noch effizienter zu machen. Bei all dem ist die lokale Ebene überfordert, wenn ihr nicht eine leistungsfähige, stabile Regierung auf der Bundes- und Landesebene zur Seite steht.
Was wünschen Sie sich für die nächsten 25 Jahre für Albstadt?
Immer verantwortungsbewusste und am Gemeinwohl orientierte Mandatsträger in Gemeinderat und Verwaltung mit gesundem Menschenverstand und Weitblick. Dabei stets eine offene Diskussion auch über kontroverse Fragen, ohne gleich die Freundschaft aufzukündigen. Und in Bezug auf die Weltlage längere, halbwegs friedliche Phasen. Dann kann 2050 kommen.
Warum haben Sie sich als Oberbürgermeister engagiert?
Wohl aus meiner Heimatverbundenheit heraus. Ich wollte meine langjährige berufliche Erfahrung aus Politik und Verwaltung weit weg in Bonn und Brüssel zum Nutzen der Albstädter Bürgerinnen und Bürger einbringen. Auch um meine Dankbarkeit für die hier verbrachte Jugend- und Schulzeit mit den passgenauen Bildungsangeboten zu erweisen und um von den eigenen Leuten Anerkennung zu erfahren. Nicht zuletzt, weil ich schon immer sehr gerne mit Menschen – wie unseren kompetenten städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – zusammenarbeite, etwas das ich von meinem Vater entlehnt habe. Es hat einfach auch Freude und Spaß gemacht.
#PreppoKompakt
Kein übersteigertes Selbstwertgefühl, keine säuerliche Vergrämtheit oder verletzte Eitelkeit. Einfach der Wunsch, meine an vielen Stellen im Interview zum Ausdruck gebrachte Dankbarkeit und Hochachtung endlich loszuwerden und an den Adressaten – sprich die Frau, den Mann, die Menschen – zu bringen. Dank an dieser Stelle auch an Stadtarchivar Nils Schulz und seine Kollegin, beide leider nicht mehr in Diensten der Stadt Albstadt, für das perfekte Zusammenspiel.


