Spitz-findig-keit #262

6 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute machen wir uns dafür, genährt aus drei unterschiedliche Quellen, Gedanken zur und über die erste Liebe.

1. Spitz-findig-keit

Stendhal (1783 – 1842), wir sind ihm schon in der #66 begegnet, heute genau vor 215 Jahren in Paris, wiederum festgehalten im „Buch der Tagebücher“ (S. 141, zur Person S. 658):

„Am 22. abends ging ich von halb neun bis halb elf mit Angéline in den Champ-Elysées spazieren. Ihre Geschichte. Sie fand kein Vergnügen in den Armen of her first lover. A little more with the second and ever so. Ich schließe daraus, daß sie gerade erst in das Stadium der Geschlechtsreife kommt. Mit dreißig Jahren wird sie vielleicht ihr echtes Talent beherrschen, wenn die Kraft und ein Übermaß an Gesundheit erreicht sein werden.“

Der u.a. durch seinen 1830 erschienenen Roman „Rot und Schwarz“ weltberühmt gewordene Literat, der bürgerlich Marie-Henri Beyle hieß, legte unter Napoleon auch im Militär eine Karriere hin. Sein Eintrag aus 1811 entstand ein Jahr vor dem Russlandfeldzug Napoleons, an dem er teilgenommen und heil überlebt hat.

2. Spitz-findig-keit

„Es gab eine Zeit, da war das Leben federleicht. Plötzlich war da ein Mensch, der so fühlte wie man selbst, der einem nicht mehr von der Seite wich, mit dem man durch die Tage schwebte. Unbekümmert ließ man sich auf die erste Liebe ein – und stürzte von Wolke sieben ungebremst auf die Erde, als die Beziehung endete.“

Faz-net vom 15.3.2026 (hinter Schranke) über das Prägende der ersten Liebe, einem wichtigen Ereignis im Leben eines Menschen, zudem für Psycho- und Anthropologen ein spannendes Forschungsobjekt.

„An der Seite dieses neuen Menschen hat man eine neue Rolle und Verantwortung. Die erste Beziehung markiert somit den Anfang vom Ende der Adoleszenz. Sie ist ein großer Schritt auf dem Weg zum erwachsenen Menschen.“ Alles was zum ersten Mal erlebt wird – der „erste Kuss, der erste Sex, der erste Streit“ -, fühlt sich besonders intensiv an. Dabei aktiviert dieser Rausch der Gefühle die gleichen Hirnareale wie bei Drogenabhängigen. „Dopamin und Oxytocin werden in rauen Mengen ausgeschüttet, das sogenannte Belohnungssystem ist aktiviert.“ So gesehen ist die Liebe „… mehr Suchtzustand als Gefühlsregung.“

Dagegen bedeutet eine Beziehung auf Dauer vor allem harte Arbeit und ist auch „… längst kein unerschütterliches Ideal mehr. … Single zu sein, wird nicht mehr unbedingt als negativ empfunden.“ Dies schlußfolgert Andreas Frey für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Das mit der „harten Arbeit“ kann ich im 52. Beziehungsjahr – auch aufgrund der ausgeprägten „Herdanziehungskraft“, der ich unterliege, siehe #98 PreppoKompakt – nur bestätigen.

3. Spitz-findig-keit

Und was Julian Barnes zur Liebe zu sagen hat, das ist in seinem neuesten Buch – es soll laut eigener Aussage sein letztes sein – unter dem Titel „Abschied(e)„* (Kiepenheuer & Witch, Köln 2026, 256 Seiten, 23 €) festgehalten.

Der mit einem nicht heil-, aber beherrschbaren Krebsleiden geschlagene 80-jährige britische Schriftsteller erzählt darin die Geschichte von Stephen und Jean, die er während der gemeinsamen Studienzeit in Oxford in den 1960er Jahren als Paar zusammengebracht hatte. Dem im Abschlussjahr aufgetretenen Phänomen der „Panikheirat“ (S.49) fielen sie nicht anheim, sondern trennten sich, trotz beidseitig zum Ausdruck gebrachter Liebesschwüre.

Nach vierzig Jahren Funkstille meldet sich Stephen („Ehe, ein Kind zur Zeit in Australien, gütliche Scheidung“) bei Julian („Ehe keine Kinder, Witwerschaft“- S.102) und bittet ihn erneut um Kontaktvermittlung zu Jean (ehelos, „lebenslänglich“ den Richtigen suchend). Heraus kommt eine „postseriöse“ Hochzeit (S. 121) in christlicher Kirche und zugigem Partyzelt mit allerlei Überraschungen für den wohlvertrauten Trauzeugen Julian. Beispielsweise mit Fotos von Jean und Stephen mit zwanzig und mit sechzig, auf denen auch er zu sehen ist, was er als gruselig empfindet (S. 124).

Nachdem Stephen nicht einmal zwei Jahre später im Auto in einer Kiesgrube stirbt und Jean in eine Ödnis der Depression gerät, plagen Julian Schuldgefühle (S. 181-185). Und nach dem Tode von Jean kommt er so richtig auf den Hund, denn er erbt Jimmy, deren Jack Russell (S. 201). Dessen Ableben ein paar Monate später rundet die Vielzahl der in dem Buch virtuos beschriebenen Abschiede ab (S. 233).

Auch was über die Liebe sonst noch in Aphorismen und Romanen geschrieben wurde, deutet Julian Barnes an: „Manche Menschen würden sich nie verlieben, wenn sie nicht zuvor von der Liebe hätten reden hören“, eine Konstellation, die er in der heutigen modernen Zeit mit ihrem Medienüberangebot ausschließt. Beispielhaft führt er Turgenjew und Tschechow an, die „… eher unglückliche, hoffnungslose oder verhängnisvolle Liebe als eheliches Glück“ schildern, ebenso Edith Wharton (S.156-157).

#PreppoKompakt

Nach den Wahlen kommt die Liebe zu ihrem Recht. Wobei auch hier, nahezu unvermeidlich, Kriegsgeschehen und tragische Schicksale mit einfließen.

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