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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute geben wir dafür nochmal der Berlinerin aus der #265 das Wort, kümmern uns um unseren gemeinsamen Vorfahren und wundern uns (oder auch nicht) über ein aktuelles Zerwürfnis.
1. Spitz-findig-keit
Ursula von Kardorff brachte genau heute vor 83 Jahren zu Papier: „Alles in großer Nervosität, weil morgen Adolfs Geburtstag ist. Seine Untertanen verlassen panikartig die Hauptstadt, weil sie fürchten, daß die Geburtstagsfeier mit gar zu viel feindlichem Feuerwerk begangen wird.“ Festgehalten im „Buch der Tagebücher“ (S.193).
Bis zum bitteren Ende sollten noch zwei weitere Geburtstage und die am 28. April 1945 mit Sekt und belegten Broten im beton- und stahlbewehrten Führerbunker begangene Eheschließung von Adolf Hitler mit Eva Braun vergehen.
„Sowjetische Spähtrupps sind mittlerweile nur noch hundert Meter vom Bunker entfernt. Mussolinis Schicksal vor Augen, sucht der Tyrann den selbstbestimmten Abgang, am 30. April bringen sich Herr und Frau Hitler um. Im Arbeitszimmer beisst sie auf die Zyankalikapsel, er erschiesst sich mit der Walther-Pistole. Ihre Leichen werden in den Garten vor dem Bunker geschleppt, mit Benzin übergossen und angezündet. Martin Bormann, Hitlers grobschlächtiger Sekretär, überwacht die allmähliche Verkohlung seines Führers.“ Die Quelle dieses Zitates aus der NZZ findet sich in unserer #216.
2. Spitz-findig-keit
Luca – unser Vorfahre in der NZZ vom 12.4.2026 (hinter Schranke): „Luca ist unser Urahn. Genauer gesagt: Er ist der Urahn allen heutigen Lebens. Sein Name steht für ‚last universal common ancestor‘. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze und jedes Bakterium stammt von ihm ab. Heute, über vier Milliarden Jahre Evolution später, sind Varianten seiner Gene noch immer in jedem einzelnen Lebewesen zu finden. Aus diesen Genen können wir Rückschlüsse ziehen: darauf, wie Luca ausgesehen hat und wie er gelebt hat – und auf das noch frühere Leben, aus dem sich Luca entwickelt hat.“
Weiter: „Die Erde selbst entstand erst vor 4,5 Milliarden Jahren. Wenn sich erhärtet, dass Luca sehr früh lebte und gleichzeitig das Produkt einer längeren Phase der Evolution war, dann lässt sich daraus nur eines schliessen: Das erste Leben auf der Erde entstand extrem schnell. Schon kurz nachdem der Planet kein Lavaball mehr war, bildeten sich die ersten Zellen.“
Und: „Vielleicht ist Leben auch auf anderen jungen, unwirtlichen Planeten entstanden, hat sich weiterentwickelt, hat irgendwann ein winziges Wesen hervorgebracht, dessen Nachkommen noch Milliarden von Jahren später den Planeten bevölkern; einen ganz eigenen Luca.“
3. Spitz-findig-keit
Im Der Standard vom 15.4.2026 wird die Beziehung von Giorgia Meloni zu Donald Trump analysiert: „Zerwürfnis? Trump nimmt nach dem Papst nun auch seine einstige Verbündete Meloni ins Visier. Der US-Präsident erklärte, er habe sich in Giorgia Meloni getäuscht und sei ’schockiert‘ über sie. Italiens Ministerpräsidentin nimmt die Kritik gelassen wie Papst Leo XIV.“
„Trump … hat es innerhalb von wenigen Tagen fertiggebracht, nicht nur seine bevorzugte europäische Verbündete vor den Kopf zu stoßen, sondern auch die einflussreichen US-Bischöfe und einen wesentlichen Teil der katholischen Wählerschaft in seinem Land gegen sich aufzubringen.“ Und „… nachdem Trump nach seinen Attacken gegen den Papst zu allem Überfluss auch noch ein KI-Foto geteilt hatte, das ihn selbst als Messias zeigt, bezeichnen den Präsidenten selbst frühere Fans unter den US-Bischöfen als blasphemisch.“ So Dominik Straub aus Rom.
Dazu ein spitzer, findiger, zugleich witziger (late ersetzt tempo) Kommentar – aus über 600 – von ölölö: „Bitte sehr: 1. Frontolaterale Demenz 2. Narzisstische Persönlichkeitsstörung 3. Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Mein Tipp: Punkt 1 wird sich in den kommenden Monaten weiter verschlimmern und dadurch seine Eskapaden noch extremer, sodass die zukünftige demokratische Mehrheit ihn nach den Midterms impeachen wird müssen. Trump ist sehr bald Geschichte.“
#PreppoKompakt
Auch wenn Luca in uns allen steckt sind Vergleiche, selbst wenn sie sich aufdrängen, nicht immer angebracht. Und den Papst abzukanzeln geht ja schon gar nicht. Alles hat zwei Seiten, wie der Untertitel eines Beitrags auf faz-net am 15.4.2026 (hinter Schranke) verrät: „Giorgia Meloni war Donald Trumps Lieblingseuropäerin. Weil die einst enge Freundin Papst Leo verteidigt, wurde sie jetzt abserviert. Das Beziehungs-Aus dürfte Italiens Ministerpräsidentin erleichtern. Es wurde toxisch.“


