Spitz-findig-keit #271

5 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute machen wir dafür einen kurzen Abstecher in die Weltliteratur, schauen ins Vereinigte Königreich und erbauen uns an neuesten egozentrischen Muskelspielchen.

1. Spitz-findig-keit

Rot und Schwarz, Chronik des 19. Jahrhunderts, von Stendhal, unsere gegenwärtige Lektüre im Literaturzirkel, wie in der #265 verlautbart.

Mathilde de la Mole, eine junge, sehr ansprechende Frau aus der feinen Pariser Gesellschaft, hatte, auch mit Hilfe eines Anwalts, versucht Julien Sorel, den ehrgeizigen Zimmermannssohn aus der Provinz, zur Einreichung der Berufung gegen sein Todesurteil zu bewegen. Er dachte, „man kann sich Bildung und Gewandtheit aneigen, aber Herz? Das Herz läßt sich nicht lernen.“ Und „vergalt ihr unbewußt, alle Qualen, die sie ihm bereitet hatte.“ Aber dann: „Er sah ihre roten Augen und schloß sie in die Arme; der Anblick eines echten Schmerzes ließ ihn seine Spitzfindigkeit vergessen.“ (S. 571-572).

„Vorwärts, alles geht gut, es fehlt mir nicht an Mut“, war sein letzter Gedanke vor dem Gang zur Guillotine. „Nie war dieser Kopf so poetisch gewesen wie in dem Augenblick, wo er fallen sollte.“ (S. 595).

2. Spitz-findig-keit

Faz-net berichtet am 21.5.2026 (hinter Schranke) über eine Panne beim Radiosender Caroline.

Der 1964 gegründete britische Sender hatte am Dienstag fälschlicherweise den Tod von König Charles III. vermeldet. „Das Protokoll ‚Monarch‘ – das alle britischen Radiosender bereithalten, in der Hoffnung, es niemals nutzen zu müssen – wurde … versehentlich ausgelöst und hat fälschlicherweise den Tod Seiner Majestät des Königs verkündet“. So der Chef von Radio Caroline, Peter Moore, der sich dafür entschuldigte und dabei auf das Vergnügen seines Sendes verwies, „… die Weihnachtsbotschaft Ihrer Majestät der Königin zu übertragen, und inzwischen auch die des Königs, und …“ der Hoffnung Ausdruck verlieh, „… dies noch viele Jahre lang tun zu können“. Auch unbeschadet der Krebserkrankung von Charles, über die wir in der #152 berichtet hatten.

„Totgesagte leben länger“ – die weitere Bedeutung dieses Sprichworts kann hier nachgelesen werden. Seinem historischen Vorgänger auf dem Königsthron – Charles I. – war dies übrigens nicht vergönnt. Wie bei Julien Sorel nahm auch sein Leben auf dem Schafott ein abruptes Ende (siehe dazu die Dokumentation auf ARTE – verfügbar bis 30.3.2031).

3. Spitz-findig-keit

Die NZZ vom 21.5.2026 mit folgendem Aufmacher (hinter Schranke):

„Der böse Philosoph: Elon Musk findet, Jean-Jacques Rousseau sei ein ‚diabolisches Arschloch‘ – und sei schuld an der Woke-Ideologie. Die postmoderne Philosophie habe die Welt vergiftet, sagt ein französischer KI-Unternehmer und entschuldigt sich im Namen Frankreichs dafür. Tech-Tycoon Elon Musk klatscht Beifall.“

#PreppoKompakt

Musk, ein himmlischer Depp, auch wenn er in Bezug auf die ausgeprägte und lange Zeit ausgelebte Woke-Ideologie richtig liegen mag. Seine Egozentrik war mir schon in der #254 eine Spitze wert, seine Startversuche zum Mars in der #208. Seine neuesten Ideen hierzu im Rahmen eines geplanten Börsengangs werden in der NZZ vom 21.5.2026 mit „Überirdische Ziele, unterirdische Geschäftszahlen: Elon Musks Pläne für SpaceX sind nicht von dieser Welt“ kommentiert.

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