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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute schauen wir dafür lieber einem russischen Klassiker auf die Schreibhand, machen einen Abstecher in die Schweiz und landen global bei nichts weniger als Wissenschaft und Irrtum.
1. Spitz-findig-keit
Leo Tolstoi (1828 – 1910) – wir sind ihm schon in #66 und #224 begegnet – mit einem Tagebucheintrag von 1856, d.h. heute vor genau 170 Jahren aus Spasskoje-Polrowskoje (S. 260-261 und zur Person S. 659, wie üblich entnommen dem „Buch der Tagebücher“).
„Wenn man auf dem Land lebt, weiß man, ob man will oder nicht, alles, was ringsum vor sich geht. Ich weiß sogar, daß Mme. Gimbut ihre Tage hat und wann sie vorüber sind. Aber was man weiß, stimmt nicht allzu heiter. Der Arrestant K. hat eine sterbende Greisin um ihr Gut geprellt. Morsotschnikow, der das Korn auf dem Halm verkauft und den Pferdediebstahl begünstigt, ist die Tochter mit dem Landvermesser davongelaufen, einem Bastard, und der hat irgend jemanden gerupft, des Schwiegervaters Gut ersteigert und jagt nun Vater und Großvater von Haus und Hof. Die Witwe eines englischen Maschinenmeisters, eine russische Gutsbesitzerin, hat sich mit dem Apothekerlehrling eingelassen und ihn geheiratet; ein Sohn, der seine Mutter unverhüllt von ganzem Herzen haßte, hat immerhin gewartet, bis sie starb, und sitzt nun verbittert in ewiger Einsamkeit zu Hause.“
2. Spitz-findig-keit
NZZ vom 24.5.2026 (hinter Schranke) mit einem Bericht aus der traditionellen Schweizer Feingebäckindustrie:
„Nils Kambly nahm den Namen seiner Frau an, um den Guetzlihersteller Kambly zu führen. Jetzt steht sein Leben kopf. Nils und Dania Kambly haben sich getrennt. Der 40-jährige Deutsche, der Kambly als CEO führte, muss das Familienunternehmen aus dem Emmental verlassen und sich beruflich neu orientieren.“
Und weiter, allerdings im Eingangssatz extrem theatralisch, verglichen mit dem Eintrag von Tolstoi. Tragik geht anders, unsere eidgenössischen Nachbarn sind halt etwas verwöhnt. Die Unternehmensgeschichte von Kambly von der ersten bis zur vierten Generation belegt meine Einschätzung:
„Das Liebes-Aus ist an Tragik kaum zu überbieten. Daran ändert auch nichts, dass die Reise eines jungen Verliebten ins Emmental vor 120 Jahren ein anderes Ende nahm: 1906 traf der junge Oscar Kambly im Welschland ein gleichaltriges Mädchen aus Trubschachen, ohne das er – so steht es in der Unternehmenschronik – fortan nicht mehr leben wollte. Nach der Schulzeit führte ihn die Liebe in das Emmentaler Bauerndorf, wo er in der Dorfbäckerei das Handwerk des Bäcker-Konditors erlernte. Schliesslich übernahm er die Bäckerei seines Lehrmeisters – und legte damit den Grundstein für den grössten Guetzlihersteller der Schweiz.“
3. Spitz-findig-keit
Faz-net vom 26.5.2026 (hinter Schranke) mit einem Beitrag von Dieter Thomä zu Martin Heideggers 50. Todestag am Dienstag. Der Autor ist emeritierter Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und Herausgeber des „Heidegger-Handbuchs“.
„Gegen die Verfrachtung von Heideggers Werk auf die Giftmülldeponie spricht vor allem eines: seine epochale Wirkung. Als dieser in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts mit der ‚Ordinarienphilosophie‘, dem ‚heulenden Elend in gestelzter leerer Vornehmtuerei‘, kurzen Prozess machte, muss dies als Weckruf gewirkt haben. Zwar haben Heidegger-Forscher wie Emmanuel Faye und Richard Wolin zu zeigen versucht, dass die braune Gedankensoße des Meisters auf seine Schülerschar abgefärbt hat, aber es wirkt doch lächerlich, ganze Generationen von Denkern in Sippenhaft zu nehmen und geistiger Unterwürfigkeit zu zeihen. Heideggers Wirkung im 20. Jahrhundert zeichnet sich dadurch aus, dass sie Eigensinn generiert und neue Auseinandersetzungen ausgelöst hat.“
Genannt/auf- und angeführt werden rund 30 Namen aus 10 verschiedenen Ländern auf fünf Kontinenten, darunter auch mit Elfriede Jelinek, Günter Grass und Saul Bellow drei Literaturnobelpreisträger. „Diese alles andere als vollständige Liste macht deutlich: An Heidegger kommt man nicht vorbei, wenn man herausfinden will, was im 20. Jahrhundert los war oder was überhaupt auf der Welt los ist.“
Der Mann ist nun seit 50 Jahren unter der Erde. „Die Entrüstung verkalkt. Aufmerksamkeit verdienen weniger die Fettnäpfchen oder Blutlachen, in die Heidegger getreten ist, als vielmehr das, was während der An- und Abfahrt passiert ist, welche Routen er gewählt hat, die ihn aus der Mitte des Lebens in die Zone der Lebensvernichtung – und wieder zurück – geführt haben. Diese Routen nämlich sind es, deren Befahrbarkeit heute infrage steht. Das 20. Jahrhundert ist reich an Errungenschaften. Was Fehlerbeispiele und verpasste Gelegenheiten betrifft, ist es eine schier unerschöpfliche Ressource.“
Nach Prof. Thomä gleicht Heideggers Werk „… einem Vexierbild – wenn jedenfalls die ursprüngliche Bedeutung von Vexieren, nämlich das Quälen und Ärgern, wachgehalten wird. Im Umgang mit ihm empfiehlt sich die Anwendung der Faustregel: Knapp daneben ist auch vorbei. Heidegger hatte ein großes Gespür für zeitgemäße Notlagen und zeitlose Grundfragen, und seinen Versuchen, sie zu bewältigen, gab er am Ende einen Dreh, mit dem alles krumm und schief wurde. So kann ein Spruch aus Heinrich von Kleists Drama ‚Der zerbrochne Krug‘ auch auf Heidegger gemünzt werden: ‚In eurem Kopf liegt Wissenschaft und Irrtum / Geknetet, innig, wie ein Teig, zusammen; / Mit jedem Schnitte gebt ihr mir von beidem.'“
Widmung
Heute darf ich gleich drei lieben Menschen – Sonntagskindern – diese Spitzfindigkeit widmen. In der Summe können Helma, Helmut und Lidia heute die Glückwünsche zu 215 Geburtstagen entgegennehmen. Gefeiert wird an drei verschiedenen Orten. Der Altersunterschied von Helma zu Helmut und von ihm zu Lidia beträgt 16 bzw. 23 Jahre. Mehr wird nicht verraten, außer dass ich mich dieser Tage in Rüsselsheim am Main aufhalten werde.
#PreppoKompakt
Alles gesagt!


