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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute sind wir dafür stark literaturlastig, aber es gibt definitiv Schlimmeres.
1. Spitz-findig-keit
Heute genau vor 83 Jahren – am 2.8.1943 – hält Bertolt Brecht in Santa Monica, dem Bade- und Vergnügungsort des Großraums Los Angeles, im Tagebuch fest (Buch der Tagebücher, S. 364; zur Person S. 619).
„th[omas] mann erinnert sich, wie er selber 1914 den einfall der kaiserlichen armeen in belgien zusammen mit 91 andern intellektuellen gut befunden hat. solch ein volk muß gezüchtigt werden! wie gesagt, für einen augenblick erwog sogar ich, wie das ‚deutsche volk‘ sich rechtfertigen könnte, daß es nicht nur die untaten des hitlerregimes, sondern auch die romane des herrn mann geduldet hat, die letzteren ohne 20-30 ss-divisionen über sich.“
Im gemeinsamen Exil mit Thomas Mann (Literatur-Nobelpreisträger) und anderen deutschsprachigen Literaten, schwingt bei Brecht darin wohl ein wenig das menschlich, allzu menschliche Neidgefühl mit. Noch in Los Angeles, wie in #216 festgehalten, attestiert Thomas Mann den Deutschen, kein großes Volk zu sein. Die Rückkehr von Mann nach Europa – in die Schweiz – nach 14-jährigem USA-Aufenthalt im Juni 1952 hatten wir anhand seines Tagebucheintrags bereits in #63 beschrieben.
2. Spitz-findig-keit
Die NZZ vom 29.7.2026 titelt (hinter Schranke): „Kaufen, scannen, vernichten: KI-Firmen füttern ihre Sprachmodelle mit gebrauchten Büchern. Anthropic muss 1,5 Milliarden Dollar zahlen – wegen illegaler Buchdownloads. Doch das KI-Unternehmen hat bereits eine neue Strategie, um kostengünstig an Text zu gelangen: Antiquariate leer kaufen.“
Wie in der Schweiz hat auch in deutschen Antiquariaten das Bestellvolumen zugelegt. Vornehmlich Bücher aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren „… Urheberrecht noch nicht erloschen ist und die deshalb nicht frei zugänglich sind. Weiterhin Bücher, die mit einer ISBN versehen sind“, was als Hinweis darauf zu deuten ist, „… dass sich ein Bot, eine KI-gesteuerte Maschine, dahinter befindet, um sicherzustellen, dass jedes existierende Buch auf dieser Welt genau ein einziges Mal bestellt wird.“
Auch Google und Open AI gehen inzwischen so vor. Den Prozess gegen Anthropic hatten mehr als 500 000 Autorinnen und Autoren im August 2024 mit einer Sammelklage angestrengt, die nun mit einem am 20. Juli diesen Jahres rechtskräftig gewordenen Vergleich endete. Für mehr als sieben Millionen illegal beschaffte Bücher hat Anthropic den o.g. Betrag zu bezahlen, also rund 214 Dollar pro Buch.
Das amerikanische Urheberrecht wendet das sog. „Fair-Use-Prinzip“ beim Kauf physischer Bücher und anschliessender Vernichtung an. „Dieses erlaubt die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Erlaubnis – solange es Forschungs- oder Bildungszwecken dient“, so Leonie C. Wagner am Ende ihres aufschlussreichen Artikels.
3. Spitz-findig-keit
Im Literaturzirkel lesen wir gerade von Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel* (dtv, München 1992). Auf S. 79 steht dort geschrieben: „In der Welt gibt es die Idioten, die Dämlichen, die Dummen und die Irren. [Der Gegenüber fragt – JG] Sonst nichts? Doch, uns zwei zum Beispiel, oder jedenfalls – ohne wen zu beleidigen – mich. … Jeder von uns ist hin und wieder idiotisch, dämlich, dumm oder irre. Sagen wir, normal ist, wer diese Komponenten einigermaßen vernünftig mischt. Es sind Grundtypen.“
Das Buch hat 756 Seiten Text und handelt von den Tempelrittern, einem legendenumwitterten Orden aus dem 14. Jahrhundert. Auf der Grundlage eines chiffrierten Dokuments der Templer beginnen drei Verlagslektoren „… ein gigantisches intellektuelles Puzzle-Spiel …, um hinter den Sinn dieser geheimnisvollen Pläne zu kommen. Schließlich erfinden sie selbst die Große Weltverschwörung.“ (Siehe Buchrücken).
Bei der lebendigen Diskussion in unserem Zirkel am Donnerstagabend, nahm die Dummheit großen Raum ein, obwohl wir unter freiem Himmel tagten. Auch Traurigkeit lag in der Luft, aber noch mehr wurde gelacht und positiv gefeixt. Nicht direkt von Umberto Eco, aber unter Umständen von ihm abgeleitet/inspiriert: der Moosburger Designer und Händler „Mooinzen“ am Federsee läßt seine T-Shirts mit dem Spruch „Einer von uns beiden ist klüger als Du“ bedrucken.
#PreppoKompakt
Habe erst ein Fünftel des Buches „gepackt“, bin aber wild entschlossen, die Sommerpause für die Lektüre nutzend, hinter seinen Sinn zu kommen. Die Handlung reicht bis ins Jahr 2000. Nicht einfach, aber sinnstiftend und lustig. Daneben grausam, schrecklich und vor allem auch aktuell mit Parallelen zu Trump und Putin.
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