Spitz-findig-keit #286

5 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute hören wir dafür lieber hin, was uns ein sehr erfolgreicher US-Geschäftsmann im Unruhestand zur KI zu sagen hat, wer in diesem Jahr im Umgang mit unserer deutschen Sprache ganz besonders zu rügen ist und welch klare Gedanken in einem klugen Kopf an der Côte d’Azur entstehen.

1. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 30.8.2026 (hinter Schranke) mit einer eindrücklichen Warnung von Bill Gates, dem Microsoft-Gründer, zur Künstlichen Intelligenz (KI). Sie ist in seinem längeren – Lesezeit 25 Minuten – und dennoch sehr lesenswerten, sauber gegliederten und gut übersetzten Gastbeitrag enthalten.

„Heute ist sie außerordentlich leistungsfähig. Und sie entwickelt sich in atemberaubendem Tempo weiter. Zum ersten Mal kann Künstliche Intelligenz menschliche Denkleistungen ersetzen und sie sogar übertreffen. Mit Blick auf die Gerechtigkeit wird Künstliche Intelligenz entweder zum wirksamsten Instrument für Chancengleichheit, das die Menschheit je erfunden hat – oder zur schlimmsten Quelle von Ungerechtigkeit. Die Herausforderung ist gewaltig. Selbst unter den günstigsten Bedingungen wird der Übergang in dieses neue Zeitalter zu den unruhigsten Phasen der Menschheitsgeschichte gehören.“

Folgende Fragen sind zu beantworten

„Wie nutzen wir diese Technologie, um die Welt gerechter zu machen – und verhindern zugleich, dass sie die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert? Wie schützen wir jene, die besonders anfällig für die Schäden Künstlicher Intelligenz sind, darunter Menschen, die ihre Existenzgrundlage und das Gefühl verlieren, ihre Zukunft selbst in der Hand zu haben?“

Bill Gates: „Diese Fragen zu beantworten und die Antworten in die Tat umzusetzen, muss oberste Priorität haben.“

Negative Effekte minimieren, positive maximieren

Den zügigen Übergang ins Zeitalter der Künstlichen Intelligenz begleiten drei große Gefahren: „Viele Arbeitsplätze werden für immer verschwinden“, KI „… wird Menschen – und vielleicht auch KIs – dazu befähigen, größeren Schaden anzurichten“ und sie „… könnte die Entwicklung unserer Kinder hemmen und menschliche Beziehungen ersetzen“.

Auf der anderen Seite könnten „… die guten Dinge, die wir mit KI tun können, … sehr, sehr gut sein“. Grundvoraussetzung dafür ist, dass alle – nicht nur eine wohlhabende Minderheit – davon profitieren.

Die Welt braucht einen Plan

Es muss ein neues System für den Übergang geschaffen werden, wobei manche Arbeitsplätze dem Menschen vorbehalten bleiben sollten. Auch muss die Besteuerung von Arbeit und Kapital neu austariert werden.

Klare Botschaft an die Politik

Die Botschaft von Bill Gates an die politisch Verantwortlichen: „Sie haben jetzt die Möglichkeit zu handeln – bevor die Arbeitslosigkeit stark steigt, Gemeinschaften leiden und das öffentliche Vertrauen schwindet. Sie können sicherstellen, dass Ihre Regierung das Problem ganzheitlich angeht, statt es auf mehrere bürokratische Fürstentümer zu verteilen. Sie können dafür sorgen, dass alle von Künstlicher Intelligenz profitieren. Und Sie können mit anderen Regierungen zusammenarbeiten, um diese nationale und globale Herausforderung zu bewältigen.“

2. Spitz-findig-keit

In der neuesten Ausgabe der Sprachnachrichten des Vereins Deutsche Sprache (VDS), Nr. 111 (III/2026), auf S. 21, wird unsere Verkehrspolizei auf Platz 1 zum Sprachpanscher des Jahres 2026 gekürt (eine Wahl, die heuer schon zum 29. Mal erfolgt ist; das Ergebnis vom letzten Jahr ist in der #234, das von 2024 in der #180 festgehalten).

„Auf dem 2. Platz landete Miguel Berger, der deutsche Botschafter in Polen. Auf seiner X-Seite sind die Veröffentlichungen meist entweder auf Polnisch – was naheliegend ist – oder auf Englisch.“

„Lars Keitel, Bürgermeister von Friedrichsdorf (Hochtaunus), belegt den 3. Platz. Was ihn dazu trieb, die Satzung der heimischen Feuerwehr ausschließlich in weiblicher Form zu verfassen, wird wohl sein Geheimnis bleiben, denn dies entspricht weder der Realität noch einem verständlichen Sprachgebrauch.“

„Platz 4 ging an die Alfred Ritter GmbH & Co. KG. Der Hersteller von Ritter Sport setzt bei einzelnen Produkten auf eine rein englische Bezeichnung und nimmt damit in Kauf, dass nicht alle Kunden verstehen, was sich etwa hinter ‚Crunchy Peanut‘ verbirgt. An anderer Stelle verwendet das Unternehmen dagegen ganz selbstverständlich verständliche deutsche Begriffe wie ‚Traube-Nuss‘.“

„Den 5. Platz belegt der Telefon- und Internetanbieter Vodafone, der sich per ‚Du‘ an seine Kunden anbiedert: ‚Du zahlst bei uns erst, wenn Dein aktueller Vertrag beendet ist‘. Damit missachtet Vodafone, dass gerade in
geschäftlichen Belangen nicht jeder geduzt werden möchte.“

3. Spitz-findig-keit

Aus dem „Buch der Tagebücher“ wiederum – nach der #275 – eine wertvolle Einschätzung von André Gide, Cabris/Côte d’Azur, festgehalten heute vor genau 86 Jahren (S. 432; zur Person S. 627):

„Die Anzahl der Dummheiten, die eine intelligente Person im Laufe eines Tages sagen kann, ist unglaublich. Und ich würde zweifellos ebenso viele von mir geben, wenn ich nicht häufiger schwiege.“

Schon die alten Römer – vermutlich war es der Gelehrte und Politiker Boethius (um 480-525) – machten sich darauf einen Reim/einen Aphorismus: „Si tacuisses, philosophus mansisses“, in Deutsch: „Hättest Du geschwiegen, wärest Du ein Philosoph geblieben“ (die schwäbische Variante bitte ich selbst nachzulesen).

Widmung

Einem 68er Schwaben gewidmet, der heute seinen 58. Geburtstag feiert – dem Kollegen und Parteifreund Matthias Frankenberg. Im Landratsamt des Zollernalbkreises als Erster Landesbeamter eine verlässliche Stütze mit viel Erfahrung und ein ruhender Pol. Der zudem auch Schweigen kann, wie in der „Schwäbischen“ vom 24.5.2025 dokumentiert.

#PreppoKompakt

An Beispielen mangelte es kaum, würde man an dieser Stelle nicht aus Höflichkeit (auch einen selbst betreffend) lieber schweigen. Viele belassen es aber leider auch nicht beim Sagen. Da kommt mir der Spruch von Erich Kästner in den Sinn: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es“. Von mir ergänzt um „Es gibt viel Schlechtes, außer man läßt es – sein.“

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