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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute lümmeln wir dafür lieber ein bißchen im Strandkorb herum, staunen darüber, was Förderprogramme alles bewirken und folgen den Gedanken eines Politikers alter Schule zum Tag der Deutschen Einheit.
1. Spitz-findig-keit
FAZ-Herausgeber Berthold Kohler kommentiert inhalt- und sprachlich gekonnt den Hass und die Häme zur simplen Strandkorbgeschichte von Philipp Amthor – CDU-Staatsminister im Bundeskanzleramt – auf faz-net vom 29.9.2026 (hinter Schranke). Dieser hatte einen Strandkorb „… in seiner Heimat mit eigenem Geld gekauft“ und an seinen Arbeitsplatz liefern lassen.
„Ja, geht’s noch?“ sollten sich gemäß Kohler „… jene fragen, die diesen Vorgang zu einem weiteren Beleg für die Verkommenheit der politischen Eliten in Deutschland aufbauschten. Die nach neuen Opfern suchen, weil ihnen das Einprügeln auf den Kanzler, der für sie nichts mehr richtig machen kann, kaum noch Lust bereitet. Spahn, der dem Affen freilich selbst kiloweise Zucker gab, ist ja schon erledigt.“
Sodann stellt Kohler die rhetorische Frage: „Warum fähige Leute lieber eine Karriere in der Wirtschaft machen, als eine in der Politik anzustreben, wo sie für mehr Arbeit … weniger Geld bekommen, aber jederzeit mit Hass und Häme überschüttet werden können, ob sie in der Mitte des Flusses schwimmen, in der Nähe des rechten oder linken Ufers oder auch gegen den Strom?“
Dieser „Shitstorm“ rieche nicht nur ekelhaft, er habe auch die Wirkung eines Sandsturms, indem er die Ecken und Kanten der Politiker abschleife und sie endgültig rund mache. „Die Republik aber geht weiter einer Zukunft entgegen, in der in der politischen Mitte dringend benötigte Talente der Politik einen Korb geben und sie damit den wirklich Scham- und Skrupellosen an den Rändern überlassen.“ Wie wahr, wie wahr!
Auch DerStandard vom 29.9.2026 berichtet mit zwei bunten Bildern und mehr als 600 angehängten Kommentaren über den „Skandal“. Der typisch-spitzige Wiener Schmäh ist köst- und trefflich, wie das Beispiel von ‚Callidus es‘ [klug, gewandt] – belegt: „Ich dachte, die Deutschen hätten andere Probleme. Mein Gott, ist die Welt vertrottelt. Da braucht man sich nicht wundern, wenn sich außer Selbstbedienern keiner mehr ein Amt antun will.“
2. Spitz-findig-keit
„Ja, geht’s noch?“ kann man sich dafür getrost bei den am Donnerstag 100 (nur!) veröffentlichen Beispielen von Steuergeldverschwendung im Schwarzbuch 2026/27 des Bundes der Steuerzahler (BdSt) fragen. Wir haben diese kostenlos zu beziehende, sehr gut recherchierte Informationsquelle in den Spitzfindigkeiten von Beginn an genutzt (#35, #86, #88, #188, #239 und #264). Mein erster Blick prüft dabei stets, ob Albstadt oder der Zollernalkreis betroffen sind, was auch dieses Mal nicht der Fall ist.
Das aktuelle Hauptaugenmerk liegt auf der riesigen Zahl von Förderprogrammen von EU (51), Bund (591) und den Bundesländern (1809) und den Unsinn, der dabei herauskommen kann. Sachsen „glänzt“ mit 184 Förderprogrammen, gefolgt von Nordrhein-Westfalen (169) und Bayern (157). Das „Tabellenende“ zieren Brandenburg (89), das Saarland (76) und Bremen (51). Mittendrin Sachsen-Anhalt mit 124. „Mit Förderprogrammen setzt die Politik programmatische Akzente und lenkt Verhaltensweisen von Privatleuten, Unternehmen und Kommunen, etwa in Richtung Klimaschutz, Digitalisierung oder energetischeSanierung.“ Jede neue Regierung auf Bundes- oder Landesebene legt dabei andere bzw. neue Schwerpunkte, äußerst selten werden Förderprogramme außerplanmäßig beendet (dies ist auch seit Mai 2025 nicht geschehen).
„Unabhängig von der jeweiligen parteipolitischen Ausrichtung wird dieses Geld auf der Empfängerseite, vor allem in den Kommunen, dringend gebraucht und fest eingeplant. Genau deshalb sind Kommunen für Förderangebote besonders empfänglich – ihre Haushaltslage lässt ihnen oftmals keine andere Wahl. Schließlich sind die Haushaltsdefizite der Kommunen zuletzt rasant gewachsen: Nach dem bislang größten Minus von 24,8 Milliarden Euro im Jahr 2024 ist das Defizit 2025 weiter gestiegen und beträgt nun 31,9 Milliarden Euro.“ (alle Zitate im Schwarzbuch auf S. 9).
Bei vielen der 100 Beispiele weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Die Lektüre sei den geneigten Leserinnen und Lesern selbst überlassen.
3. Spitz-findig-keit
Gestern wurde wiederum der Tag der Deutschen Einheit im Stauffenberg-Schloss in Albstadt-Lautlingen im vollbesetzten, ja nachgestuhlten Saal mit wunderbarer Klaviermusik würdig begangen. Gastredner war Dr. Reiner Haseloff, Katholik, Mitglied im Landtag von Sachsen-Anhalt und von April 2011 bis Januar 2026 dortiger Ministerpräsident. Er hatte auch seine Frau mitgebracht. Von politischer Prominenz anwesend waren u.a. Winfried Kretschmann mit Gattin, Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, MdEP Norbert Lins, Rainer Wieland, MdB Christoph Naser, MdB Thomas Bareiß, Landrat Günther Martin Pauli und natürlich Oberbürgermeister Roland Tralmer.
Dr. Haseloff erläuterte zuerst die Kulturgeschichte Deutschlands von der Vereinigung vor 1050 Jahren nach der gegen die ungarischen Reiter gewonnenen Schlacht auf dem Lechfeld unter Otto I., welchem wir im Grunde die föderalistische Struktur und die kulturelle Vielfalt bis heute verdanken. Und weiter über Otto von Bismarck und die Weimarer Republik, welche sich über Abstimmungsbagatellen suizidierte, hin zur Europäischen Einigung.
Seine Aussage: Demokratie schaffe sich nicht selbst ab, sie stolpere über Gewohnheiten und ausufernde Schwerpunktsetzungen der handelnden Personen. Somit stirbt eine Demokratie nicht an den Angriffen von außen, sondern daran, dass zu wenige Verteidiger aufstehen und sich gegen Angriffe stemmen.
Die friedliche Revolution die zur Einheit führte, sei durch besondere Umstände möglich geworden. Die Deutschen, die zuerst eine Bahnsteigkarte lösen, bevor sie auf dem Bahnsteig streiken, wären allein dazu nicht in der Lage gewesen. Die Grenzöffnung durch Ungarn und Gorbatschows Persönlichkeit hätten dafür den Grundstock gelegt. Die Kirchen in der DDR mit dem Glauben an Freiheit und Selbstbestimmung hätten die Bewegung ermöglicht. Ohne die Kirchen, ohne die Gottesdienste, in welchen sich die friedliche Revolution entwickelte, hätte es keine Wiedervereinigung gegeben. Wir haben es übrigens hier auf unserer Seite am 3. Oktober 2022 als Sternstunde beschrieben.
Auf die Frage, ob die Politik eine freiheitliche, demokratische Grundordnung sicherstellen kann, antwortete Reiner Haseloff mit einem klaren Nein! Dies gelinge nur dann, wenn eine Grundhomogeniät in der Gesellschaft vorhanden sei. Wenn also im harten politischen Diskurs die handelnden Menschen sich gegenseitig achten und nicht zu Feinden werden. Seine Freundschaft zum anwesenden Kollegen Kretschmann belege dies.
Es brauche keine Brandmauer, um mit der Politik der AfD umzugehen. Die Unvereinbarkeit entstehe daraus, dass keine Übereinstimmung mit den Themen aus den Parteiprogrammen vorhanden ist. Mit den Forderungen aus deren Wahlprogramm würden wir uns von dem bewährten politischen System der Bundesrepublik Deutschland verabschieden. Man müsse deshalb den Menschen die Wahlprogramme stetig und konkret vor Augen halten. Schließlich verdeutlichte Dr. Haseloff, dass sich die Menschen in den östlichen Bundesländern seit gut 20 Jahren wieder stärker als Ostdeutsche verstünden. Deutsche oder Europäer seien diese gemäß eigenem Selbstverständnis erst ganz zum Schluss.
#PreppoKompakt
Auf den Punkt gebracht: Wir benötigen dringend wieder mehr Menschen, die mit Anstand und gesundem Menschenverstand dem Gemeinwesen dienen, nicht vorrangig ans eigene Wohl denken – Trump und Konsorten können dabei locker als abschreckendes Beispiel dienen. Und die auch mutig für den Erhalt unserer demokratischen Grundordnung eintreten.


