8 Minuten
Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute greifen wir dafür die uns alle angehende demografische Entwicklung auf, denken zusammen mit einer berühmten, ungeheuer mutigen Künstlerin über die Jugend im Krieg nach und geben neuen Gedanken zur Nutzung der Kernkraft im Land etwas Raum.
1. Spitz-findig-keit
Die demografische Lage der Nation 2025-2045 hat das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot-Stiftung detailliert untersucht. Im YouTube-Video (beginnt erst bei rund 12 Minuten) ist dazu die 35-minütige Pressekonferenz vom 6.10.2026 wiedergegeben. Kurz und knapp, aber sehr gut vom Vierer-Team erarbeitet, vorgetragen und dargestellt.
Im Vorspann dazu steht geschrieben: „Die Babyboomer gehen in Rente, deutlich kleinere Jahrgänge rücken nach. Die Geburtenzahlen sinken. Und die Zuwanderung gleicht den wachsenden Sterbeüberschuss nicht mehr aus. Doch Deutschland schrumpft nicht überall gleich. Manche Regionen verlieren in den kommenden Jahren deutlich an Bevölkerung und Arbeitskräften, andere wachsen weiter. Und selbst innerhalb des Ostens, des Südens oder der ländlichen Räume vergrößert sich die demografische wie wirtschaftliche Kluft. Vertraute Unterschiede zwischen Ost und West, Stadt und Land erzählen deshalb nur einen Teil der Geschichte. Wo wächst Deutschland bis 2045 – und wo schrumpft es besonders stark? Welche Regionen können Menschen und Arbeitskräfte anziehen? Und wer ist für die neue demografische Lage am besten gerüstet?“
So ist eine demografische Landkarte aller 400 kreisfreien Städte und Landkreise entstanden, wobei die regionale Bevölkerungsprognose von der CIMA erarbeitet wurde. Sie liefert Antworten auf die Frage, wo in Deutschland der Druck am größten ist und wie sich gegensteuern läßt. In den bundesweiten Index Zukunftsfähigkeit fliessen 26 Indikatoren aus Demografie (6), Wirtschaft (10), Bildung (4) und sozialen Bedingungen (6) ein, wobei jeder Kreis Noten und einen Platz im Ranking erhält.
Der Vergleich der demografischen Lage (einfach anklicken) über die Ortung von Kreisen mit einem persönlichen Bezug ist kinderleicht. So liegt beispielsweise mein Zollernalbkreis unter allen 400 „… mit einer Gesamtnote von 3,18 auf Rang 114, den er sich mit 2 weiteren Kreisen teilt.“ Und seine Bevölkerungszahl sinkt lediglich um rund 1 Prozent von 193.326 Menschen in 2024 auf 191.280 in 2045. So die Prognose.
Globaler Geburtensturz
Aber wir sind nicht allein. Wie faz-net am 2.10.2026 (hinter Schranke) unter der Überschrift „Die Kinder verschwinden“ aufzeigt, sinken die Geburtenraten weltweit.

Sie „… sinken global in einem Tempo, das die offiziellen Bevölkerungsszenarien zur Makulatur werden lässt. Die Vorstellungen über eine bildhafte ‚Bevölkerungsexplosion‘ und eine Überbevölkerung, die sich so tief in das Bewusstsein eingegraben haben, sind aus der Zeit gefallen, selbst in Afrika. Dort sind die Geburtenraten zwar immer noch hoch. Doch sie fallen schnell und sind in vielen urbanen Zentren unter die Quote von 2,1 Kindern je Frau gerutscht, die den Bestand der Bevölkerung erhält.“
2. Spitz-findig-keit
Käthe Kollwitz (1867-1945), Berlin. Heute genau vor 110 Jahren, räsoniert sie – festgehalten im wohlvertrauten Buch der Tagebücher – über den Unsinn des Tötens und Sterbens im Großen Krieg (S. 476-477; zur Person S. 639 sowie umfänglich auf Wikipedia auch zum imposanten Werkverzeichnis der Zeichner-, Druckgrafiker- und Bildhauerin).
„Nach wie vor ist mir alles so sehr dunkel. Wie ist das? Nicht nur bei uns geht die Jugend freiwillig und freudig in den Krieg, sondern bei allen Nationen. Menschen, die unter anderen Umständen verstehende Freunde wären, gehn als Feinde aufeinander los. Ist wirklich die Jugend ohne Urteil? Geht sie immer los, sobald man sie aufruft? Ohne näheres Hinsehn? Geht sie los, weil sie eben will, weil es ihr im Blut liegt, und nimmt unbesehen hin, was man ihr an Kriegsgründen sagt? Will die Jugend überhaupt den Krieg? Und ist es eine alte Jugend, die ihn nicht mehr wollen wird? [Nach Auslassung einer längeren Passage weiter im Text:]
Wo sind die Schuldigen? Gibt es die? Sind alles Betrogene? Ist es ein Massenwahnsinn gewesen? Und wann und wie wird das Aufwachen sein? Nie wird mir das alles klar werden. Wahr ist nur, daß die Jungen, unser Peter, vor zwei Jahren mit Frömmigkeit in den Krieg gingen. Und daß sie es wahrmachten, für Deutschland sterben zu wollen. Sie starben – fast alle. Starben in Deutschland und bei Deutschlands Feinden, Millionen.“
Der „Große Krieg“ von 1914 bis 1918, so genannt weil er sich erst im Nachhinein als 1. Weltkrieg einordnen läßt, hatte Käthe Kollwitz ihren Sohn Peter geraubt. Dieser fiel schon im ersten Kriegsjahr bei der Ypernschlacht an der belgischen Kanalküste. Die Begeisterung der Jugend hat offensichtlich mit Kriegsdauer sowie den Greueln des 2. Weltkriegs und der seit 1945 bei uns langen Friedenszeit kräftig nachgelassen. Die aktuelle Diskussion um die Wiedereinführung der ausgesetzten Wehrpflicht belegt dies (siehe nur den Bericht auf BR24 vom 11.9.2026). Aber die Agressivi- und Brutalität beispielsweise eines Wladimir Putin, lassen für den Gewissensentscheid gegen das Töten zum Zwecke der Landesverteidigung nur minimalen Raum.
Dazu passend ist am 18.9.2026 das Buch der Offizierin Wiebke Hönicke „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen. Warum unsere Freiheit gemeinsame Verteidigung braucht„* erschienen (Rowolth-Verlag, Hamburg, Taschenbuch 16 €). Sie wirft darin „… einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen der Bundeswehr. Sie bricht mit Klischees und liefert eine realistische Analyse unserer Verteidigungsfähigkeit. Wehrhaftigkeit ist für sie mehr als Militär: Sie braucht den kollektiven Willen zur Selbstbehauptung.“ Das Buch, so laut Einband „… ist ein leidenschaftliches Plädoyer für gesellschaftliche Resilienz und ein aufrüttelnder Debattenbeitrag über den Wehrdienst und eine geschlechtergerechte Dienstpflicht.“
3. Spitz-findig-keit
Neue Überlegungen zur Nutzung der Kernkraft sind exklusiv festgehalten in der NZZ vom 9.10.2026 (hinter Schranke): „Ein Wiedereinstieg in die Kernenergie würde den Strom in Deutschland billiger und sauberer machen. Eine Studie der Denkfabrik R21 [verfasst von der Technikhistorikerin Anna Veronika Wendland] zeigt: Eine Kombination aus Kernenergie und erneuerbaren Energien würde Deutschlands Energieprobleme lösen. Technisch ist der Wiedereinstieg in die Atomkraft machbar. Die Hindernisse liegen in der Politik.“
Und: „Um die Vorteile, die die Kernenergie bietet, voll auszuschöpfen, müsste deren Anteil an der Gesamtstromerzeugung künftig mindestens 30 Prozent betragen, schreibt Wendland. Das entspricht dem Anteil, den die Kernenergie vor dem Atomausstieg in Deutschland besass. ‚Jedes einzelne Kernkraftwerk am Netz macht den Strom günstiger und klimafreundlicher‘, sagt Wendland.“
Der Weg zur erneuerten Energiewende
Die fünf stillgelegten Kernkraftwerke modernisieren und 2032 wieder ans Netz nehmen, was den Anteil der Kernkraft an der Stromerzeugung auf 10 Prozent anheben würde. Dazu neue, in der EU lizenzierte Druckwasserreaktoren der dritten Generation mit hervorragenden Sicherheitseigenschaften bauen und mittelfristig kleine, modulare Kernkraftwerke (SMR) zur Stromerzeugung hinzufügen. Letztere sind noch nicht marktreif, laut Expertenmeinung dürfte dies aber um 2035 der Fall sein. Langfristig, da noch in der Phase der Grundlagenforschung, ist auch die Kernfusion eine Option, zumal Deutschland dabei international vorne mitmischt.
Neue Kommunikationsstrategie
Schlusssatz von NZZ-Redakteur Malte Fischer: „Um die Widerstände zu überwinden und die öffentliche Meinung für die Kernenergie zu gewinnen, empfiehlt die Studie, den Wiedereinstieg in die Kernenergie als ‚öko-modernen Aufbruch‘ zu kommunizieren. Es gehe nicht darum, die Erneuerbaren durch Kernenergie zu ersetzen, sondern zu ergänzen. Das Ziel sei ‚ein Stromsystem aus Erneuerbaren und Kernenergie mit einem hohen Kernenergieanteil‘, schreibt Wendland in der Studie. Ein ‚erneuerbar-nukleares System‘ könne liefern, was Deutschland dringend brauche: sauberen und billigen Strom.“

Das Thema und die handelnden Personen sind uns durch unsere 9-teilige Kipppunkte-Serie (von hier – 25.9.2021 – bis hier – 11.11.2022) wohlvertraut, schon R21 mit Professor Rödder sowie Anna Veronika Wendland spielten mit. Vielleicht bewegt sich doch noch was. Am 4. November d.J. ist in Berlin übrigens eine vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung finanzierte und von der Denkfabrik R21 organisierte Veranstaltung/Konferenz zum Thema vorgesehen (beginnt um 14 Uhr und wird live auf YouTube übertragen, hier anklicken). Auftreten wird auch der ehemalige Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen, berühmt berüchtigt u.a. aus den Spitzfindigkeiten #163, #185 und #263. Da darf man so richtig gespannt sein.
#PreppoKompakt
Wird Mann/Frau mit der Zeit wirklich schlauer? Oder schlägt brutal die Alterssturheit zu? Da passt jedenfalls wiederum der Spruch von Konfuzius (591-479 v. Chr.). „Dreierlei Wege klug zu handeln: durch Nachdenken ist der edelste, durch Nachahmen der einfachste, durch Erfahrung der bitterste.“
* Alle auf unserer Seite dargestellten Produktempfehlungen sind mit einem sogenannten Affiliate-Link versehen. Beim Abschluss eines Kaufs erhalten wir, ohne dass sich der Produktpreis erhöht, vom Anbieter eine Provision.


