5 Minuten
Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute schauen wir dafür lieber auf einen Menschen, der Vielen, nicht nur journalistischen Berufskollegen, ein Vorbild sein könnte/müßte, entdecken wie zwei Berliner 1996 unter Beobachtung Geldautomaten bedienen und bedauern die Walschla/eppe vom April.
1. Spitz-findig-keit
Über Henryk M. Broder sagt der mit ihm befreundete Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel-Samad in der NZZ vom 17.8.2026 (hinter Schranke):
„Was Henryk antreibt, ist nicht die Suche nach Krawall, wie manche unterstellen, und auch nicht blinde Verteidigung Israels. Er hat Israel oft genug kritisiert. Ich glaube, es ist der unnachgiebige Gerechtigkeitssinn eines gekränkten Kindes, der die meisten seiner Texte motiviert. Er hasst Manipulation, Bürokratie und Ideologien, die verlangen, sich in einer Reihe aufzustellen und eine Fahne zu schwenken. Und er hasst Doppelmoral. Deshalb kritisiert er den radikalen Islam ebenso wie das radikale Judentum, die Linke wie die Rechte. Er kritisiert jede Utopie, die den Menschen das Paradies verspricht und ihnen stattdessen nur Kontrolle und Angst liefert.“
Wir kennen ihn natürlich von der „Achse des Guten“. Letzten Donnerstag wurde der in Kattowitz/Polen geborene und 1958 mit den Eltern in die Bundesrepublik Deutschland eingewanderte Broder 80 Jahre alt – und auf Achgut.com entsprechend gefeiert und gewürdigt. Sein Mut, auch entgegengesetzte Meinungen zu vertreten, und seine Standhaftigkeit in rauer Brise sind sprichwörtlich. Diese immense Lebensleistung ist auf Wikipedia anschaulich nachzuvollziehen.
2. Spitz-findig-keit
Heute vor genau 30 Jahren ist im „Buch der Tagebücher„* folgende Beobachtung von Iris Hanika in Berlin festgehalten (S. 396-397; zur Person S. 630):
„Gemeinsam geht ein junges Paar zum Geldautomaten, es hängen zwei Automaten nebeneinander, da können sie beiderseits von ihren zwei Konten jeweils einen Betrag gleichzeitig abheben. Gemeinsam kommen sie zum Ende, gleichzeitig erbricht der Automat das Geld. Sie streichen die druckfrischen Scheine noch glatter, als sie eh schon sind, falten sie zusammen, schieben sie in die hinteren Taschen ihrer Jeans hinein. Befreit atmen beide aus der Tiefe auf. Gelöst schreitet das Paar in den Freitagabend hinein, nebeneinander, faßt sich nicht an Händen, Hüften, Schultern oder sonstwo.“
Da soll sich einer/eine einen Reim darauf machen. Ist das ein Paarlauf auf dem Eis, ein Synchronspringen vom Turm, wird da die vollkommene Emanzipation beschrieben oder eine totale Gefahrlosigkeit der Großstadt, die es vermutlich nie geben wird? Zumindest die Anspannung beim Geldabheben wirkt echt, weil man ja alles richtig machen will, damit der Automat das Geld „erbricht“.
Rainer Wieland hat jedenfalls als Herausgeber des „Buchs der Tagebücher“ ein gutes Gespür für die literarische Qualität von Iris Hanika bewiesen. Denn erst nach dessen Erscheinen in 2010 fing es bei der heute 63-jährigen Autorin an, Preise zu „regnen“. Zuletzt den Hermann-Hesse-Literaturpreis 2020 für „Echos Kammern„* und im Jahr darauf den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik fürs gleiche Werk (siehe Wikipedia).
3. Spitz-findig-keit
Der FAZ Frühdenker berichtet am 19.8.2026 über das politisches Nachspiel im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern zu den Leiden von Wal Timmy. Dieser war nach einem absehbar erfolglosen Rettungsversuch in der Ostsee vermutlich qualvoll verendet und wurde auf einer dänischen Insel obduziert.
Warum durfte auf eine private Initiative hin der kranke Buckelwal noch tagelang durchs Meer geschleppt werden? Der zuständige SPD-Minister Till Backhaus blieb keine Antwort schuldig – oder doch?
„Spitzfindig: Umweltminister Backhaus formulierte in der vergangenen Woche seine Verteidigungsstrategie. Der Rettungsversuch habe nach der geltenden Rechtslage nicht eigens genehmigt werden müssen, sondern hätte allenfalls untersagt werden können. Dafür hätte man sich aber sicher sein müssen, dass die Aktion eindeutig unzulässig war. Dies sei nicht der Fall gewesen, auch wenn die Naturschutzabteilung des Ministeriums es so gesehen habe.“
Der in Deutschland am längsten regierende Minister, seit dem 3. November 1998, weist in seinem Wikipedia-Eintrag neben der aktuellen Walschlappe, auch einen Sprach-Rekord aus. Schon 1999 kreierte sein Ministerium mit dem „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz das zu dieser Zeit mit 63 Buchstaben längste gültige und gebräuchliche zusammengesetzte Hauptwort der deutschen Sprache.“ Zudem zeichnet er auch für die bemerkenswerte Bemerkung über Ricarda Lang, die damalige Bundesvorsitzende der Grünen, verantwortlich – die ich bitte dort selbst nachzulesen.
#PreppoKompakt
Also spitzfindig geht anders. Die Aussage zu Timmy tut zwar weh, aber eher uns unbescholtenen Lesern. Ausgezeichnet formuliert ist sie auch nicht und von der Wahrheit soweit entfernt, wie der Wal zuschlechterletzt vom Meeresgrund. Dafür liese sie sich aber auf eine zutiefst menschliche Eigenheit, schlicht Dummheit kombiniert mit Sesselkleberei, reduzieren.
* Alle auf unserer Seite dargestellten Produktempfehlungen sind mit einem sogenannten Affiliate-Link versehen. Beim Abschluss eines Kaufs erhalten wir, ohne dass sich der Produktpreis erhöht, vom Anbieter eine Provision.


