Spitz-findig-keit #283

7 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute begegnen wir dafür der „Generation Vollrausch“, erfahren etwas über die „Literaturstadt“ Klagenfurt, lernen ein neues südkoreanisches Konzept zur Partnerfindung kennen und stellen die Überlegung an, ob es auf „unser“ Schmochtitz übertragbar sein könnte.

1. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 8.8.2026 beschreibt (hinter Schranke) die „Generation Vollrausch“. Gott sei Dank bin ich schon älter und gehöre nicht dazu – wie schon in der #209 festgehalten.

„Laut einer eher konservativen Schätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wachsen etwa eine Million Kinder und Jugendliche mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf. Etwa zwei Drittel dieser Kinder entwickeln später psychische Störungen oder werden selbst alkoholabhängig. … 2024 konsumierten laut dem Bundesgesundheitsministerium 8,6 Millionen Menschen der 18 bis 64 Jahre alten Bevölkerung riskante Mengen Alkohol, 2,2 Millionen erfüllten die medizinischen Kriterien einer Abhängigkeit. Suchtforscher sprechen von einer ‚gestörten Trinkkultur‘ in Deutschland: Der Rausch gelte hier als etwas Cooles, während es in anderen Ländern peinlich sei, die Kontrolle zu verlieren.“

Um diese Generation geht es: „Wer heute etwa 40 Jahre alt ist, kann sich tatsächlich an eine Jugend erinnern, in der es wenig Cooleres gab als den kompletten Alkohol-Absturz. Am besten drei-, viermal die Woche. Zwanzig Jahre später kann man die Folgen davon deutlich sehen. Viele haben die Hochkonsum-Jahre vorerst gut überstanden, aber einige sind auf der Strecke geblieben, kämpfen sich bis heute von Entzug zu Entzug, leben auf der Straße, manche haben sich sogar das Leben genommen.“ Und zudem: „Oft war das Rauschtrinken der Beginn einer Drogenkarriere.“

Die gute Nachricht: „Heute ist Rauschtrinken eher uncool: Nach Krankenkassen-Daten wurden 2024 bundesweit 6550 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung behandelt, 2012 waren es mehr als 20.000 Fälle. Als Vertreter der Generation Vollrausch [, so Sebastian Eder – JG,] kann man das nur begrüßen: So cool war das alles gar nicht. Vor allem mit Blick auf die Freunde, die nicht mehr da sind. Sie haben es verdient, wenigstens mal vorzukommen.“

2. Spitz-findig-keit

Aus dem uns wohlvertrauten „Buch der Tagebücher“ ein Eintrag von Helmut Krausser, den er 1995 in München „gezimmert“ hat, also heute vor genau 31 Jahren (S. 388; zur Person S. 640).

„Das schönste Malentendu vom diesjährigen Klagenfurz entstammt einem Verlegergespräch: Haben Sie auch einen Autor hier? Nein, ich bin mit der Bahn da.“

Krausser, Jahrgang 1964 aus Esslingen am Neckar, ist Schriftsteller, Dichter, Bühnenautor, Komponist, Schach- und Backgammonspieler. Sein vielfältiges und mit verschiedenen Preisen gekröntes Werk ist auf Wikipedia zusammengefasst.

Aufgespießt hat er im Jahr 1995 die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt, die in der Kärntner Landeshauptstadt seit 1976 stattfinden und in deren Rahmen seit 1977 der Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb ausgetragen wird. „Auf der Literaturbühne mit internationaler Strahlkraft stellen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Österreich, Deutschland und der Schweiz mit ihren unveröffentlichten Texten jedes Jahr im Juni der Jury.“ Mit dem Bachmannpreis wird dabei der 1926 in Klagenfurt geborenen und 1973 unter tragischen Umständen in Rom zu Tode gekommenen Autorin gedacht, die „… zu den einflussreichsten europäischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts“ zählt. Dies ist zweifelsfrei, da liegt kein Malentendu = Missverständnis vor.

3. Spitz-findig-keit

Die NZZ vom 12.8.2026 (hinter Schranke) titelt „Verliebt im Kloster: In Südkorea sind buddhistische Tempel zu Hotspots der Partnersuche geworden. Dating-Apps haben an Reiz verloren. Dafür werden von buddhistischen Orden organisierte Treffen für Singles immer beliebter.“

Das Programm läuft als privater Anlass ohne Öffentlichkeit in kleinen Gruppe ab, man bleibt unter sich. „Positiv wirkt sich auch aus, dass der Buddhismus viel Vertrauen geniesst. Die Teilnehmer sagen einhellig, sie seien gekommen, weil man hier mit ehrlichen Menschen zu tun habe.“ Die Nachfrage und damit die Konkurrenz um die wenigen Plätze ist riesig. „Als Anfang Juli der Tempel Naksansa, der schön an der Ostküste liegt, ein Programm ankündigte, bewarben sich 4225 Personen für 20 Plätze. Die hohe Erfolgsquote hat sich herumgesprochen. 2024 zum Beispiel nahmen bei insgesamt sechs Templestay-Events 114 Personen teil, von denen 56 glücklich die Tempel verliessen.“

Die Ernsthaftigkeit, mit der jemand nach einem Partner fürs Leben sucht, ist zentral, die erforderliche schriftliche Bewerbung hierzu aufschlussreich. „Ist die Zahl der Kandidaten auf 50 reduziert, müssen sie ein einminütiges Video von sich schicken. Erforderlich ist ebenso eine Berufsbescheinigung. Danach erfolgt die endgültige Kür der Kandidaten.“

Matchmaking-Programm

„Das Matchmaking-Programm findet am Wochenende statt und schliesst eine Übernachtung im Tempel ein. Der Treffpunkt ist meist in Seoul, und man fährt mit dem Bus zum Ort. Noch im Bus erhält jeder einen Namen, der aus alten, berühmten Liebesgeschichten stammt. Per Los werden die Plätze verteilt, und das erste Kennenlernen beginnt. …

Sind die Teilnehmer im Tempel angekommen, gibt es verschiedene Programmpunkte, die das Näherkommen fördern und die Wahl erleichtern sollen. Als Erstes ziehen sie alle gleiche Tempelkleider an, so dass für Eitelkeit wenig Raum bleibt. Man stellt sich vor, trinkt mit wechselnden Partnern Tee, um ins Gespräch zu kommen. Gemeinsame Meditation und das Zubereiten des Tempelessens gehören dazu. Es gibt auch Paar-Yoga, oder man zeigt vor der versammelten Gruppe das, was man am besten kann: Singen, Tanzen, Zaubern oder das Spielen eines Instruments. Eingebettet ist das ganze Programm in die alte buddhistische Religion und Kultur. Man macht die Rituale mit oder geniesst einfach die Stille. Nachtspaziergänge seien besonders beliebt, heisst es.

In Naksansa gibt es ein besonderes Programm, ‚Blind Date‘ genannt: Entweder trägt der Mann oder die Frau eines Paares eine Augenbinde und lässt sich den Weg zu dem Hügel hinaufführen, wo eine grosse Buddhastatue steht. Hier kann man herausfinden, wie aufmerksam und rücksichtsvoll jemand ist. Liebe hat auch mit der Frage zu tun, ob man gemeinsam den Lebensweg beschreiten will.“ So sieht und beschreibt es wunderbar Hoo Nam Seelmann.

Schockmeldung

In die harmoniebetonte Stimmung unserer Chor- und Instrumentalwoche in Schmochtitz – siehe #282 – platzte folgende, im Sachsenspiegel des mdr vom 7. August aufgearbeitete Meldung:

Schmochtitz: heiraten, unter dem Dach der Kirche eine Ehe schließen, ist dort bereits jetzt möglich. Auch einen professionellen Hochzeitsfotografen – Norman Paeth – gibt es schon.

Würden sich da nicht ab August nächsten Jahres organisierte Treffen für Singles nach südkoreanischem Vorbild anbieten? Mann/Frau munkelt, dass man in Schmochtitz durchaus gut schmachten und zueinander finden könnte. Aber zuvor werden wir auf jeden Fall – beginnend am 11. Juli 2027 – unsere 25. Chor- und Instrumentalwoche dort abhalten.

#PreppoKompakt

Geht nicht – gibt’s nicht!

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