Spitz-findig-keit #55

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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‘Spitz-findig-keit’ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitz-findig-keit #55

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Wir aber wollen uns heute mit dem Bären in verschiedenen Ausführungen und Funktionen beschäftigen. Angesichts des Krieges in der Ukraine mit dem “Russischen Bären”, aber auch mit dem einhundert Jahre gewordenen Gummibärchen, bis vor drei Jahren noch aus der ehemaligen provisorischen Bundeshauptstadt Bonn. Zuguterletzt mit dem Teddybär, der als Plüschtier für traumatisierte Kinder ein regelrechter Seelenretter sein kann.

1. Spitz-findig-keit

Begriffserläuterung

Der “Russische Bär” ist laut Wikipedia – ebenso wie “Mütterchen Russland” – eine nationale Personifikation, die vorwiegend in Westeuropa in der Zeit des sogenannten “Kalten Krieges” (1947 – 1989) benutzt wurde. Diese Versinnbildlichung geht auf einen österreichischen kaiserlichen Rat und Gesandten am Russischen Hof zurück, der 1549 mit seinem Reisebericht das Symbol des „Russischen Bären“ geprägt hat. Es spielt auf die geografische Größe Russlands an und wird seit dem 20. Jahrhundert auch von den Russen selbst verwendet. Beispielsweise als Maskottchen für die Olympischen Sommerspiele 1980 den “Bären Mischa” oder als Spitzname der Rugby-Union-Nationalmannschaft “Medwedi”, gleich die Bären.

Rückkehr des Bären

Auf ARTE seit 8.2.2022 zu sehen: “Putin – Die Rückkehr des russischen Bären”, gedreht wurde die 55minütige Reportage schon letztes Jahr (verfügbar nur bis 15.5.2022). Im Vorspann dazu heißt es:

“Seine Ziele hatte Wladimir Putin bereits 2007 auf der Münchener Sicherheitskonferenz angekündigt. Er fühlte sich von seinen westlichen ‘Partnern’ despektierlich behandelt und unterschätzt, prangerte das Vormachtstreben der Vereinigten Staaten an und prophezeite das Ende der unipolaren Weltordnung. Seitdem sorgt der Kreml-Chef für die ‘Sicherung der russischen Grenzen’ und bezieht außenpolitisch ganz unverhohlen Stellung, ohne dass ihm andere Staaten Einhalt gebieten.”

Dann die Frage: “Ist der brutale Invasionskrieg in der Ukraine erst der Anfang?” Heute, gut vier Wochen später, läßt sich zumindest hierauf eine klare Antwort geben. Aufgrund der eindeutigen und einhelligen Unterstützung der ukrainischen Position durch die westliche Welt und ihre Verbündeten kann Putin diesen Krieg nicht gewinnen. Weder militärisch, noch wirtschaftlich, erst recht nicht moralisch. Und er hat mit dieser Aktion seinem Land und sich selbst einen Bärendienst erwiesen.

Behandlung russischer Kunst

Halbstündiger Podcast auf faz-net vom 6.4.2022 von Simon Strauss über die Behandlung russischer Kunst, insbesondere deren Protagonisten nach Beginn des Krieges am 24. Februar. Und damit auch um die Effekte auf die westliche Kunst- und Musikwelt. Wobei es eben nicht nur um einzelne Persönlichkeiten, sondern auch um Stücke oder gar das Oeuvre russischer Komponisten geht.

“Aus Angst sagen einige entweder nichts oder sagen nicht klar oder sagen zu wenig.” So ein junger russischer Pianist auf die Frage von Simon Strauss, ob er für seine bei uns auftretenden Landsleute Verständnis hat.

In Bezug auf Anna Netrebko – hier in der #50 schon angesprochen – lobt der FAZ-Musikkritiker Jan Brachmann ihre starke Bühnenpräsenz und Kollegialität. Sie sei eine technisch perfekte Sängerin mit herausragendem Rang unter den Sopranen dieser Welt. Nun habe sie sich distanziert und prompt ein Auftrittsverbot in Rußland kassiert und soll auch in Deutschland nicht mehr auftreten dürfen. Auf jeden Fall solle man mit ihr im Gespräch bleiben, so wie es die Opernhäuser in Berlin und Baden-Baden praktizieren. Forderungen nach Gesinnungsbekenntnissen bezeichnet Brachmann als gefährlich und überheblich. Daraus spräche nur “westlicher moralischer Pomp und merkantiles Interesse.” Ein grundsätzliches Aufführungsverbot für russische Musikstücke erachtet er als geradezu barbarisch.

Es besteht in der Tat die Gefahr, dass dem Bären das Fell über die Ohren gezogen wird. Zum Schaden aller.

2. Spitz-findig-keit

“Haribo macht Kinder froh … … und Erwachsene ebenso!” Mit diesem Slogan werden die kleinen, bunten, 1922 von HAns RIegel in BOnn erfundenen Gummibärchen beworben – und sind dadurch nicht nur sprichwörtlich “in aller Munde”. Nunmehr eben schon seit einem vollen Jahrhundert. HARIBO Goldbären werden (zwischenzeitlich) ohne künstliche Farbstoffe hergestellt und unter anderem im Doppelpack zu 360 g verkauft.

Die harsche Kritik in der ARD-Sendung “Der Markencheck” im Oktober 2017 zu gesundheitlichen Aspekten und Herstellungsbedingungen – von der Deutschen Welle am 20.10.2017 wiedergegeben und kommentiert -, griff HARIBO offensiv auf und besserte nach. Gut fünf Jahre später fällt einem halbwegs gesundheitsbewußten Menschen lediglich auf, dass der Zuckergehalt in den Gummibärchen – 46 g pro 100 g – doch recht hoch ist. Deshalb empfiehlt es sich, die laut Herstellerangabe 14 Portionen a 25 g – jeweils eine Handvoll – nur wohl dosiert und abgezählt an die junge wie alte Liebhaberschaft abzugeben.

3. Spitz-findig-keit

Während es bei der Henne und dem Ei immer noch unklar ist, wer oder was zuerst da war, ist dies beim kleinen Gummi- und dem größeren Plüschbären eindeutig geklärt.

Wikipedia weiß allerdings für Letzteren zwei Entstehungsgeschichten zu erzählen, eine deutsche und eine amerikanische: “Nachweislich entwickelte Richard Steiff, ein Neffe der deutschen Spielzeugherstellerin Margarete Steiff, im Jahr 1902 in Giengen an der Brenz den ersten Plüschbären mit beweglichen Armen und Beinen, das Modell 55 PB. Dieses wurde Anfang 1903 in die USA versandt, kam aber dort bei den Kunden nicht an und wurde daher wieder zurück nach Deutschland geschickt.”

Laut amerikanischer Version war Präsident Theodore Roosevelt als passionierter Jäger der Namensgeber. 1902 auf einer Jagd hatte er keine Gelegenheit zum Abschuss eines Bären erhalten, woraufhin man ihm ein angebundenes Bärenbaby vor die Flinte setzte – und er sich weigerte, dieses zu erschießen. Ein Karikaturist der Washington Post hielt das in einer Zeichnung fest und verwendete das Bärchen weiterhin, so dass es zur Symbolfigur für den Präsidenten wurde.

“Von diesen Karikaturen inspiriert, bastelten der russische Einwanderer Morris Michtom und seine Frau Rose einen Bären als Dekoration für das Schaufenster ihres Ladens in Brooklyn. Roosevelt soll ihnen schriftlich gestattet haben, ihn ‘Teddy’s bear’ zu nennen. Die Großhandelsfirma Butler Brothers sorgte für eine starke Nachfrage nach dem Kinderspielzeug. Daraufhin gründeten die Michtoms 1903 die Ideal Novelty and Toy Company und schufen ebenfalls einen Gelenk-Teddy. Der 9. September wird in den USA als Teddy Bear Day gefeiert.”

Interessant noch der Hinweis von Wikipedia auf verschiedene internationale Plüschbär-Messen, so die “Hello Teddy!” in Moskau oder “TeddyLand” in Kiew.

Plüschtiere retten Seelenleben

Über eine besondere Teddybären-Aktion berichtet faz-net vom 5.4.2022. “Der Job der Plüschtiere ist es, bei Notfalleinsätzen Seelenleben zu retten. Wenn ein Kind in Gefahr ist, können Feuerwehrleute und Rettungssanitäter im Hochtaunuskreis ihm jetzt einen etwa 25 Zentimeter großen Teddy in den Arm drücken.”

Die Tiere werden gebraucht, ist sich Karin Schmidt, Vorsitzende des Frankfurter Vereins Aktionskomitee Kind im Krankenhaus (AKIK), sicher. Das “… Deutsche Rote Kreuz habe im Hochtaunuskreis jedes Jahr 1700 Einsätze mit Opfern unter 18 Jahren. Diese brauchten nicht alle ei­nen Teddy zum Kuscheln und Beruhigen. Aber auch Zwölfjährige nähmen im Rettungswagen oft noch einen in den Arm.” Manche Rettungskräfte geben ihn sofort aus, andere setzen ihn ein, wenn ein Kind unruhig wird. “Manchmal nutzten Psychologen später noch den Teddy als ‘negatives Souvenir’, um das Erlebte mit einem Kind zu verarbeiten.” Schreibt Redakteurin Florentine Fritzen in der Rhein-Main-Zeitung.

Und hier geht es weiter zur nächsten Spitzfindigkeit.

#PreppoKompakt

Man ist beeindruckt von der Multifunktionalität dieser Tiere. Man sollte sich nur keinen Bären aufbinden lassen, gerade in Zeiten wie den unsrigen. Von niemandem!

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