Spitz-findig-keit #81

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Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‘Spitz-findig-keit’ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitz-findig-keit #81

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Wir verbleiben noch kurz bei alten Adelsgeschlechtern, über die in meiner Jugendzeit echt gefrotzelt wurde: im Sinne von seit Jahrhunderten geschlechtskrank.

1. Spitz-findig-keit

“Sisi” von Stuttgart, gleich Olga, Königin von Württemberg, deren persönliches Schicksal wir hier schon kennengelernt haben. Was wäre gewesen wenn? Diese Frage führt nach Florian Russi auf der Seite “Stuttgart-Lese” zu einen Mann, den sie wirklich liebte, den um ein Jahr jüngeren Prinzen Alexander von Hessen (1823 – 1888). Doch dieser wurde beim in den Herrscherhäusern damals üblichen Hochzeitsgeschacher für Olga nicht würdig genug befunden. “Man tröstete ihn damit, dass er die hübsche Gräfin Julia Hauke heiraten durfte. So wurde er zum Stammvater des Geschlechts Battenberg, englisch: Mountbatten, und zum Vorfahr von Prinz Philipp, dem Ehemann der Königin Elisabeth II. von England.”

Das aufwändige Staatsbegräbnis mit fulminanten Prozessionen hinter dem Sarg der Queen und den Auftritten des neuen Königs Charles III. – dem Ururenkel von Alexander – ist noch voll präsent.

2. Spitz-findig-keit

“Sisi” von Wien, das Original! Ein neu erschienener Roman von Karen Duve, Sisi,* Verlag Galiani, Berlin 2022, 416 Seiten, der in der NZZ vom 28.9.2022 fast euphorisch besprochen wird.

“Die Königin ist tot, es lebe die Kaiserin! Wer nach dem Gepränge des Queen-Begräbnisses noch nicht genug hat vom royalen Pomp, der lese als Gegengift dieses Buch. … Über Sisi, die Kaiserin von Österreich, ist so viel gesagt worden, dass man glaubt, es gehe nichts mehr. Aber irgendwas geht immer.”

So erwartet einen “… ein Dauerdefilee unzähliger Figuren, beschrieben wie aus dem Blick modern-televisionärer Hofberichterstatter.” Und auch ein “Fest des Schauens” historischer Wahrheiten.

“Karen Duve hat einen grossen Roman der Oberflächen geschrieben, der vergeblich nach den Tiefen in der Hauptfigur Sisi lotet. Alles, was die Kaiserin tut, ist narzisstischer Kurzschluss. Egal, ob sie den britisch-plumpen Captain Middleton durch ihre Reitkünste beeindruckt oder ihre pubertierende bayrische Nichte Marie Louise nach ihrem eigenen Vorbild formen möchte. Sisi, das ist der Fluch der Unnahbarkeit. Das Modell einer sozialen Kälte, die sich unserer Gesellschaft immer noch wärmstens zu empfehlen scheint.”

Auffallend auch der enorm trockene Witz. “Das ist ja shocking!, ruft die backfischhafte Marie Louise aus. Ist einmal etwas wirklich zum Kotzen, dann steht da: Es ist zum Speien!” So gesehen von Paul Jandl in der NZZ.

3. Spitz-findig-keit

“Gloria”, zuhause im bayrischen Regensburg an der Donau, wo man zu Studienzeiten über das ortsansässige Geschlecht gelegentlich auch ein despektierliches “Tut und taugt nichts” zu hören bekam. Andy Warhol (1928-1987) “plaudert” über eine denkwürdige Begegnung mit dem Fürstenpaar Thurn und Taxis in New York, festgehalten in seinem Tagebuch am 17. Oktober 1984 (S. 485-486). Wir haben das Buch der Tagebücher schon mehrfach bemüht, unter anderem hier und hier. Morgen in zwei Wochen vor 38 Jahren hat sich das Ganze zugetragen. Ob sich die Fürstin daran noch erinnert?

Kleine Hilfestellung

“Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die Märchenprinzessin, kam mit ihrem Mann, dem 58 Jahre alten Märchenprinzen, zum Lunch ins Büro. Mit 20 oder so hat sie ihn geheiratet. Jede deutsche Illustrierte hatte damals ihr Foto auf der Titelseite, denn er war Milliardär und brauchte dringend Erben. Inzwischen haben sie drei Kinder. Betsy Bloomingdale war auch da.

Und dann fing Fürst Johannes von Thurn und Taxis an, schmutzige Geschichten zu erzählen. Als junger Mann habe er in Hollywood Marilyn Monroe kennengelernt. Er sagte, sie habe sich an ihn herangemacht und ihn zu sich zum Dinner eingeladen, doch er habe sich damals nichts aus Frauen gemacht – er sprach das ganz offen aus. So reden sie nun mal. Und seine Frau spricht über Jungs, und dann spricht er über Jungs mit großen Schwänzen. Es ist sehr eigenartig. Na, jedenfalls will er Marilyn Monroe dann gefragt haben, wer sonst noch käme, und sie nannte ein paar Namen. Und dann kommt er hin, und Marilyn empfängt ihn in einem dekolletierten Negligé. Und er fragte: ‘Wo sind die anderen Gäste?’ Und sie sagte: ‘Sie haben alle abgesagt.’ Sie tranken rosa Champagner und aßen zusammen, und dann zog sie an einem Bändchen und stand splitternackt da, und er konnte nicht … er tätschelte nur ihre Brüste und sagte: ‘Bis später.’ …

Ich begleitete sie zu ihrem Wagen. Gloria wollte, daß ich ihr einen Schwanz auf eine Interview [Warhols Zeitschrift] zeichne.”

Shocking

Da bleibt einem doch regelrecht die Spucke weg. Dass über Marilyn Monroe in dieser Vierer-Konstellation gesprochen wurde, ist dabei nicht verwunderlich. Hatte sie doch Andy Warhol in den 1960er Jahren – wie von uns hier festgehalten – mehrfach auf die Leinwand gebannt. Und nun durfte er, gebannt staunend, dem offenherzigen Regensburger aus altem Adelsgeschlecht zuhören.

Und hier geht es weiter mit Sternstunden.

#PreppoKompakt

Wohl doch keine echten Vorbilder, vielleicht bis auf Olga. Man sieht sehr klar, alles hat zwei Seiten. Ohne ihre unglückliche Ehe mit König Karl von Württemberg wäre vermutlich ihr segensreiches Wirken in verschiedenen Bereichen der Daseinsvorsorge in Stuttgart nicht so umfänglich ausgefallen.

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