Spitz-findig-keit #277

5 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute geht es uns um einen vernünftigen Abg(es)ang für unsere Teilnehmer bei der Fifa-Weltmeisterschaft, um eine echte, bewundernswerte Persönlichkeit und um ein erhaltenswertes Denkmal in Albstadt.

1. Spitz-findig-keit

WM-Aus für Deutschland, die Niederlande und Österreich, zuvor schon für die Türkei. Aus der Traum der deutschen Fußball-Herrenmannschaft, zum fünften Mal ein solch großes Turnier gewinnen zu können. Auf SWR3 vom 2.7.2026 wird die Gemütslage vom Stuttgarter Deniz Undav widergegeben: „Wir haben Deutschland enttäuscht. Das sitzt. Mehr gibt es gerade nicht zu sagen. Danke für diese Chance.“

„Bern 1954, München 1974, Rom 1990 und Rio de Janeiro 2014: Diese vier magischen Kombinationen aus Städten und Jahreszahlen brachten Deutschland den Weltruf einer großen Fußballnation. Es war einmal. Nach all den fabelhaften Welterfolgen klingen die jüngsten Erzählungen allenfalls wie moderne Märchen. Kasan 2018, Al-Khor 2022 und Foxborough 2026 sind die neuesten deutschen Chiffren. Sie erzählen keine Heldengeschichten, sie künden vielmehr vom fortwährenden Scheitern einer Nationalmannschaft, die inzwischen, nach dem dritten frühen WM-Aus in Serie, für nicht viel mehr als faulen Fußballzauber steht.“ So bringt es Tobias Rabe in faz-net am 30.6.2026 (hinter Schranke) am Ort des Geschehens unter der Überschrift „Fußballnation Deutschland: Das war einmal“ auf den Punkt.

Aber das ist noch nicht alles. Jürgen Kaube fragt gleichen Tags auf faz-net „Spiegelt sich im deutschen Fußball die deutsche Krise?“ Und zitiert den Kapitän Joshua Kimmich, der nach dem schmählichen Turnierende sagte, „… es sei die Aufgabe der Mannschaft gewesen, die Nation stolz zu machen. … Und … es sei schade, gerade in einer Zeit, in der es extrem gutgetan hätte, in Deutschland auf etwas stolz sein zu können.“

Stimmung im Land

FAZ-Herausgeber Kaube weiter: „Die Frage nach dem Stolz verbindet das öde Desaster der Fußballer mit der Stimmung im Land. Stuttgart 21 wird Stuttgart 31. Nur sechzig Prozent der Züge sind pünktlich. Die Wachstumsprognose liegt bei einem halben Prozent. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist auf dem Höchststand seit 2013. Ein erheblicher Leistungsabfall des Bildungssystems ist festgestellt. Bezahlbarer Wohnraum in den Städten fehlt. Die Kultur, einst ein Motiv des Nationalstolzes, wird allerorten als Überforderung wahrgenommen.“ Von diesem Stolz aufs eigene Land, auch die Zufriedenheit, in ihm zu leben dürfen, ist nach siebzig Jahren nicht mehr viel spürbar. „Es war ein institutionell vermittelter Stolz mehr als einer auf die eigene Sprache, die eigene Küche oder die eigene Ästhetik. Wirtschaftlicher Wohlstand war eine dieser Quellen, das Funktionieren der Verwaltung eine andere. Man bildete sich etwas auf die Arbeit der Ingenieure ein, auf die Gymnasien und die Universitäten. Auf die Krankenbehandlung, die Theaterlandschaft.“

2. Spitz-findig-keit

In Bad Sebastiansweiler findet sich im Kurpark dieses, in Vorfreude auf das Turnier schön gestaltete grüne Gesicht. Dem jedoch nach dem frühen Ausscheiden unserer Mannschaft, zumindest virtuell kräftig die Tränen geflossen sind. Julian Nagelsmann weint aber selbst der Busch keine einzige Träne nach.

Kennen Sie Willi Rudolf? Ein Mann, der sich trotz einer gravierenden körperlichen Beeinträchtigung, mit der er zur Welt kam, willensstark einen angesehenen Platz in der Gesellschaft erarbeitet hat. Der zudem vorbildlich für die Belange von Behinderten eingetreten ist. Seine eigene Webseite gibt Aufschluss darüber, auch auf Wikipedia ist er zu finden. Und im Buchhandel mit „Geht nicht, gibt’s nicht: Mein steter Kampf gegen Barrieren im Kopf als Schwerbehinderter im Rollstuhl“ (Oertel u. Spörer, Reutlingen 2017, 19,95 €). Hatte das Glück und die Ehre, Willi Rudolf dieser Tage persönlich kennenzulernen, da sich unsere Ehefrauen in der Reha in Bad Sebastiansweiler das Zimmer teilen. Die Rudolfs, Mutmacher in jeder Hinsicht!

3. Spitz-findig-keit

Ein Appell zur Erhaltung der Friedhofskapelle in Albstadt-Ebingen, wir haben sie in der #182 bereits einmal vorgestellt. Der Aufruf wurde ins Bild und in Form gebracht von Günther Domian, einem aktiven Mitglied des Arbeitskreises, und unterlegt mit zarten Tönen aus dem Capriccio Italien von Peter Tschaikowsky.

#PreppoKompakt

Hatten wir 2022 in Katar beim WM-Turnier noch allen Grund, uns über das Auftreten der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu ärgern – festgehalten in #89 und #90 -, so blieben uns der verquere „Wokeismus“ und die politische Überfrachtung dieses Mal erspart. Auch wenn es wieder hieß „Nehmt Abschied Brüder, schließt den Kreis, das Leben ist ein Spiel; und wer es recht zu spielen weiß, gelangt ans große Ziel. Der Himmel wölbt sich übers Land, ade auf Wiedersehn. Wir ruhen all‘ in Gottes Hand, lebt wohl, auf Wiedersehen!“ Man muss es nur recht zu spielen wissen, ein eindrückliches Beispiel dafür hat Willi Rudolf geliefert. Für den heutigen Fussball extrem kontraproduktiv: das viele Geld, das mit im Spiel ist. Dass das fußballerische Debakel den Zustand der deutschen Gesellschaft und Wirtschaft widerspiegelt, hatten wir schon vor vier Jahren vermutet. Wir haben in den letzten Jahren definitiv an Leistungsfähigkeit verloren und damit auch Ansehen und Respekt in der Welt eingebüßt. Wir sind – nüchtern betrachtet – in jeder Hinsicht nur noch Mittelmaß!

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