6 Minuten
Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.
Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung
Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.
Heute lernen wir dafür über den Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime hinzu, beschäftigen uns mit der aktuellen Regierungsumbildung und folgen einem sehr speziellen, datenbewährten Blick auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft.
1. Spitz-findig-keit
Der 20. Juli ist bereits seit 1957 ein Gedenktag, mit dem in Lautlingen das Wirken von Claus und Berthold von Stauffenberg gewürdigt wird. Wir haben auf unserer Seite die Jahre 2023, 2024, 2025 in den #123, #175 und #227 festgehalten. Ging es letztes Jahr in der Kirche St. Johannes Baptist unter der Überschrift „Märtyrer für Deutschlands Zukunft“ um Dietrich Bonhoeffer, wurde dieses Mal mit „Ich habe den Krieg verhindern wollen“ an Georg Elser, der sich selbst als Kunstschreiner bezeichnete, erinnert. Als sehr eindrücklicher Redner trat Joachim Ziller auf, der seit vielen Jahren die Georg Elser Gedenkstätte in Königsbronn leitet. Gekonnt stellte er Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Widerstandskämpfer Georg und Claus heraus.
Die beiden Geburtsorte (Hermaringen/Schloss Jettingen) im Schwäbischen, nur 33 km voneinander entfernt, ein Altersunterschied von vier Jahren (1903/1907), gegensätzliche Herkunft, grundverschiedene Berufe (ins Detail versessener Handwerker/pflichtschuldiger Berufsoffizier von Adel). Beide scheiterten knapp und bezahlten mit ihrem Leben, waren führende Persönlichkeiten des Widerstands. Ein frühes und spätes Attentat (1939/1944), der Tod nach langen Torturen im April 1945 im Konzentrationslager Dachau (gleicher Tag wie auch Dietrich Bonhoeffer), die sofortige Erschiessung im Bendlerblock in Berlin. Frühzeitiges Erkennen und Handeln, ein längerer Prozess der Bewußtwerdung. Zufälle verhindern beidesmal das Gelingen des Attentats. Hier Alleintäter, da gemeinsame Aktion, in beiden Fällen werden die Familien brutal drangsaliert.
Und bei Beiden dauert es geraume Zeit, bis eine positive Würdigung der Tat zum Tragen kommt. Stauffenberg Anfang der 1960er, bei Elser sogar erst Ende der 1980er Jahre: 1995 die erste Gedenkveranstaltung im Heimatort Königsbronn (20 km vom Geburtsort Hermaringen entfernt), 1998 dann eine Dauerausstellung in der neuen Gedenkstätte, in 2003 eine Sonderbriefmarke, die Männer des Widerstands vom 20. Juli 1944 erhielten diese Würdigung 1964. Ein Kinofilm über Elser in 2015 und am 4. November 2019 – dem 80. Jahrestags des Attentats im Bürgerbräukeller – Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in der Gedenkstätte mit Kranzniederlegung. Und heute in Lautlingen: dies sei – so Joachim Ziller – seines Wissens, die erste Veranstaltung, mit der Stauffenberg und Elser gemeinsam gewürdigt werden.
Auch die Schwäbische berichtet am 22.7.2026 umfänglich über die Feier.
2. Spitz-findig-keit
Ich komme noch einmal zurück auf meinen Freund Helmut Federmann (HF) – wie schon in #274 -, der sein gutes Augenmerk und Beurteilungsvermögen mit einer spitzen Zunge kombiniert. Er hat mir „Nur zur Info…“ letzen Montag geschrieben:
„Wenn ich mich recht erinnere fiel Deine Beurteilung des Herrn T. Frei etwas milder aus, als es in dem Beitrag des Handelsblatt geschieht …… Aber ich denke die dünne Decke an robusten – international erfahrenen – bewährten und fähigen Führungskräften für politische Ämter ist ähnlich dünne, wie bei anderen demokratischen Parteien ebenfalls. Die Rekrutierung von Personal für solche – für das staatliche Gemeinwesen – wesentlichen Positionen scheint sich nur noch aus Parteien-Inzucht zu ergeben……das wird böse enden….! Im Übrigen plädiere ich nach wie vor für einen „Befähigungsnachweis“ für den Zugang zu politischen Ämtern – ähnlich dem wie für das Handwerk!“
Und am Mittwoch ist im Kommentar-Newsletter der FAZ zu lesen: „Eine Befreiung, aber noch kein Befreiungsschlag. Für Thorsten Frei ist der Wechsel an die Spitze der Unionsfraktion nicht nur die Rückkehr in eine ihm vertraute Umgebung. Unter Friedrich Merz war er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer, also eine Art politischer Manager im Auftrag des Fraktionsvorsitzenden. Es ist für ihn auch eine Befreiung. … Auch für den Kanzler ist es eine Befreiung. Nicht von Frei, denn der bleibt sein Vertrauter an vertrauter Stelle. Das unterscheidet diesen Wechsel an der Spitze des Kanzleramts von früheren. Wohl aber ist es eine Befreiung von der Kritik, dass er als jemand, der keine Regierungserfahrung hatte, seine Umgebung nicht instinktsicher sortiert habe.“ So sieht es der verantwortliche Redakteur für Innenpolitik, Jasper von Altenbockum, dessen Meinung ich teile. Auch den von HF zu Recht geforderten Befähigungsnachweis hat er erbracht.
3. Spitz-findig-keit
Die NZZ „Der andere Blick mit Daten“ vom 25.7.2026 wirft mithilfe des US-Wirtschaftsmagazins „Forbes“ einen Blick in die Welt der Superreichen und zeigt auf, wie „verkrustet“ wir sind.
„Wer in Deutschland wirklich reich werden will, muss erben. Unter allen Staatsangehörigkeiten mit mindestens 50 Milliardären hat Deutschland den höchsten Anteil an Erben. Von den 208 Milliardären mit deutscher Staatsangehörigkeit sind es laut ‚Forbes‘ 154. Das sind 74 Prozent, weit mehr als beispielsweise in der Schweiz mit 57 Prozent. [USA 27, China 2 Prozent – JG] … Im weltweiten Durchschnitt beträgt der Anteil der Erben an den 3348 Milliardären … 33 Prozent.“
Darin spiegelt sich auch, welch „… enormen Wohlstand frühere Generationen in Deutschland geschaffen haben.“ Die Quandt-Erben bei BMW und die Albrecht-Nachfahren bei Aldi sind Beispiele „… für eine Generation, die ihren Reichtum dem Erbe dynamischer Gründer zu verdanken hat. … Es zeigt aber auch, wie sehr es Deutschland mittlerweile an wirtschaftlichem Schwung mangelt. Vom einstigen Unternehmergeist ist kaum noch etwas zu sehen. Der letzte grosse Weltkonzern, den Deutsche gegründet haben, ist das Walldorfer Softwareunternehmen SAP. Das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her. In der Zwischenzeit sind andere Länder an Deutschland vorbeigezogen, vor allem die USA und China.“
Malte Fischer und Simon Off sehen in Erbschaften eine Basis für Investitionen und zum Kapitalaufbau, womit die Bereitschaft unternehmerischer Talente, sich in Deutschland zu engagieren, gesichert werden könne. Daher komme es nun darauf an, die „… Rahmenbedingungen für Unternehmensgründer zu verbessern“, statt die Erbschaften stärker zu besteuern. „Statt die Reichen ärmer zu machen, erhielten alle Bürger dadurch bessere Möglichkeiten, als Unternehmer reich zu werden. Gelingt das nicht, werden die Begehrlichkeiten weiter wachsen. Und wenn die Eigentumsrechte erst einmal ins Wanken geraten, tut es auch die freie Marktwirtschaft.“
#PreppoKompakt
Geld fällt eben – von Erbschaften einmal abgesehen – nicht wie Manna vom Himmel, man muss es sich in der Regel hart erarbeiten und verdienen. Im Zusammenhang mit dem 20. Juli bin ich auf das Kunstwerk von Danuta Karsten „Zwischen Himmel und Erde“ gestossen, tausende von weißen Backoblaten an Nylonschnüren im Deckengewölbe des Mittelschiffs der Kirche St. Johannes Baptist in Albstadt-Lautlingen. Ermöglicht von Rupert Linder durch eine gespendete handwerkliche Hilfestellung, den Gerüstbau, im Juli 2020, wenige Tage vor seinem Ableben. Das rund 5-minütige Zeitraffer-Video von Niels Carstensen fasziniert noch immer, weshalb ich es hier verlinke. Alle, die daran Freude empfinden, zählen zu den Erben.


