Spitz-findig-keit #294

4 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute wecken wir dafür lieber angenehme musikalische Erinnerungen, gehen nochmals auf unsere demografische Entwicklung ein und hören einem interessanten Gespräch zu.

1. Spitz-findig-keit

Faz-net vom 29.10.2026 (hinter Schranke) titelt: „Mireille Mathieu verabschiedet sich von Deutschland. Die französische Chanson-Sängerin sagt Adieu zu ihren deutschen Fans.“

Die „Grande Dame des Chansons“ begeistere seit gut sechs Jahrzehnten die Fans rund um den Globus. „Mit Deutschland verbindet die Sängerin eine besondere Geschichte. Hier wurde sie als ‚Spatz von Avignon‘ gefeiert, hier landete sie Erfolge mit Liedern wie ‚Hinter den Kulissen von Paris‚ und ‚Akropolis Adieu‚. Doch ihre Verbindung reicht weit über die Musik hinaus. 1984 erhielt Mathieu das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft.“

Zwei Auftritte in dieser Woche in Chemnitz und in Berlin liegen schon hinter ihr. Es folgen heute noch das Konzerthaus in Freiburg, am 2.11. die Alte Oper in Frankfurt/Main, am 4.11. das Festspielhaus Baden-Baden, am 6.11. das HCC in Hannover, am 8.11. die Meistersingerhalle in Nürnberg, am 9.11. der Kulturpalast in Dresden, am 11.11. die Tonhalle Düsseldorf, am 15.11. der Rosengarten Mannheim, am 16.11. die Isarphilharmonie in München und schließlich am 17.11. das Leipziger Gewandhaus. Zu den Terminen im Detail und zur Verfügbarkeit von Karten siehe Eventim. In Dresden, München und Leipzig sind die Tickets wohl schon ausverkauft. Den Angaben zufolge sind dies die letzten Auftritte der 80-jährigen Sängerin unter dem Titel „Goodbye my Love Goodbye. Das Finale der Welt-Abschiedstournee“.

2. Spitz-findig-keit

Zuletzt in der #291 hatten wir uns für die demografische Entwicklung interessiert. „Der andere Blick am Morgen“ der NZZ vom 29.10.2026 macht nun mit dem Beitrag von Armin Arbeiter auf: „Deutschland bekommt zu wenige Kinder. Im vergangenen Jahr kamen 654 241 Babys zur Welt, so wenige wie seit 1946 nicht mehr. Die Geburtenrate sank auf 1,32 Kinder je Frau. … Erstmals seit Einführung des Elterngelds 2007 sollen Mindest- und Höchstsatz steigen: von 300 auf 330 beziehungsweise von 1800 auf 1900 Euro im Monat.“ Das beabsichtigte Signal an junge Eltern sei verständlich, ja besser als nichts, da es den eingetretenen Kaufkraftverlust abschwäche, aber es bewirke keine „familienpolitische Wende“.

Wolle Familienministerin „… Karin Prien jungen Menschen das Kinderkriegen erleichtern, sollte ihr Ressort nicht immer neue finanzielle Anreize und Regeln erfinden. Mehr geholfen wäre vielen Familien mit einem Staat, der ihnen weniger Arbeit macht – und ihnen zutraut, selbst zu entscheiden, wie sie ihre Familie organisieren.“

3. Spitz-findig-keit

Stephen Spender in London – kommt am 1.11.1951 im von uns häufig zitierten „Buch der Tagebücher“ wie folgt zu Wort (S. 512; zur Person S. 657):

„Während der Heimfahrt mit Matthew [Spenders sechsjähriger Sohn] drehte sich einer seiner kleinen Freunde, der im Bus genau vor uns saß, plötzlich um, zeigte mit dem Finger auf mich und sagte: ‚Spender, ist dieser weißhaarige Alte mit Brille dein Daddy?‘ – ‚Nein‘, sagte Matthew mit größter Selbstverständlichkeit. Als wir ausgestiegen waren und sein kleiner Freund uns nicht mehr hören konnte, fragte ich Matthew, warum er gesagt habe, ich sei nicht sein Vater. ‚Weil es nicht stimmte‘, rief er leidenschaftlich. ‚Du bist nicht so, wie er dich beschrieben hat.'“

Stephen Spender wurde 1909 in London geboren und ist 1995 dort gestorben. Ende der 1920er verbrachte er ein paar Jahre in Berlin und kehrte im Juli 1945 „… als britischer Kulturoffizier nach Deutschland zurück, um für die Militärbehörde Interviews mit deutschen Intellektuellen zu führen.“ Übrigens eröffnet sein Sohn Matthew – wie die Financial Times am 21.8.2015 festhält – mit dem Buch „A House in St John’s Wood: In Search of My Parents“ tiefe und bewegende Einblicke in die überaus komplexe Familiengeschichte.

Widmung

Herbert Bless, mein alter Schulkamerad und treuer Freund, wurde gleichen Tags geboren, als Stephen Spender seine Notiz zu Papier brachte. Aber nicht nur deshalb ist ihm diese Spitzfindigkeit von Herzen gewidmet.

#PreppoKompakt

Übrigens betrug zu seiner/unserer Zeit – also zu Beginn der 1950er-Jahre – die Geburtenrate noch rund 2,1 Kinder je Frau, wodurch der Bestand der Bevölkerung in Deutschland sichergestellt war.

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