Spitz-findig-keit #295

6 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstöße zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute schenken wir dafür lieber einem britischen Geschichtsprofessor volle Aufmerksamkeit, ergötzen uns kurz an Zungenbrechern und setzen für Deutschland auf eine erfolgreiche Abkehr von gängigen Denkmustern und der Hinwendung zu einer Liaison mit Kernkraft.

1. Spitz-findig-keit

Die NZZ vom 2.11.2026 titelt (hinter Schranke): „Einen Absacker auf Europa: Timothy Garton Ash ist besorgt wie noch nie – und erinnert uns an die eigene Geschichte. Der britische Starhistoriker widmet dem alten Kontinent eine populäre Erbauungsschrift. Sie kommt zum richtigen Zeitpunkt.“ So schätzt es Marc Tribelhorn ein. Die besagte Schrift – „Europa in 7 1/2 Kapiteln„* – ist im Oktober 2026 im Hanser Verlag, München, auch auf Deutsch erschienen, hat 177 Seiten und kostet 20 €.

Für Garton Ash ist Europa, trotz vieler Mängel, „einer der attraktivsten Orte der Welt.“ Nun durchlebe man eine existenzielle Bedrohungssituation: „Von innen, aber auch von aussen: militärisch durch Russland, wirtschaftlich durch China, politisch durch Trumps Amerika.“

Für Garton Ash – immer höflich, mit trockenem Humor – sind Fakten heilig, Selbstkritik selbstverständlich, Kontroversen lassen ihn kühl. „Anhand von zehn wichtigen Elementen beschreibt er das historische Europa, in einer Art Periodensystem der Geschichte: angefangen mit ‚Ro‘ – für Rom und dessen Bedeutung für das Selbstverständnis des Kontinents – bis ‚In‘, das Individuum, das die Welt verändert, nicht nur in der Gestalt der ‚grossen Männer‘. Natürlich kommen auch die Ambivalenz der Kriege (‚Kr‘), die Rolle des Christentums (‚Ch‘) sowie die Migration (‚Mi‘) zur Sprache.“

Vom historischen Europa zur Gegenwart

Im neuen Jahrtausend dann eine Finanzkrise, die Euro-Krise, Migrationskrise und der Krieg in der Ukraine direkt vor unserer Haustür. Das real existierende politische Gebilde kritisiert er als bürokratisch, bürgerfern, Brüssel beschreibt er als langweilig. „Doch Gespräche seien immer besser als Kriege.“ Auch wenn es eine seltsame Art sei, einen Kontinent zu regieren, eine bessere habe noch niemand gefunden.

Stotternder Erinnerungsmotor

Optimisten, die sich auf statistische Daten – wir sind „… reicher, sicherer und freier als je zuvor“ – berufen, treffen zunehmend auf Pessimisten, die mit starken negativen Bildern – „Europa als Mischung aus Freilichtmuseum und Altersheim, wirtschaftlich im Niedergang, ungeeignet und unfähig, sich zu verteidigen“ – gekonnt Meinungsbildung betreiben.

„Jahrzehntelang war Europa eine Verheissung für die von Krieg, Faschismus und Kommunismus gebeutelten Menschen … Der konkurrenzlose Liberalismus hat uns faul, selbstverliebt und übermütig gemacht.“ Garton Ash sieht dennoch in Europa ein „riesiges ungenutztes Potenzial. Ein Wunder habe Europa nicht nötig, aber Entschlossenheit – und Hoffnung … . Dafür muss der Erinnerungsmotor wieder angeworfen werden. Auch mit diesem Buch.“ So schlussfolgert Marc Tribelhorn.

2. Spitz-findig-keit

Am zweiten Sonntag im November – also heute – ist jedes Jahr der internationale Tag der Zungenbrecher, ein Tag für Sprachkünstler und Freunde packender Wortspiele. Der Verein Deutsche Sprache (VDS) weißt in seinem neuesten Info-Brief darauf hin. Er preist zudem das Buch „Brich Dir die Zunge und nicht das Herz. SprechSpaß durch SprechSport“ von Georg Winter an, das 2017 im IFB Verlag erschienen ist. Nachdem die Buchpreisbindung aufgehoben ist, kann es nun für 10 € direkt beim Verlag erstanden werden.

Ein kleines Beispiel mit dem Titel Propaganda, passend zur Geschichtsschreibung: „In dem Lichte griechischer Berichte über türkische Geschichte, ist der Türke nur ein Schurke. Wie der Grieche in dem Lichte türkischer Berichte über griechische Geschichte.“ Unternehmer Georg Winter, der in der von Thomas Gottschalk moderierten Fernsehshow „Wetten, dass…?“ mit seinen Zungenbrechern vor gut 20 Jahren Wettkönig wurde, ist Anfang des Jahres in seiner Heimatstadt Hamburg-Blankenese im Alter von 84 Jahren verstorben.

3. Spitz-findig-keit

Komme zurück auf die in der #291 angesprochene Konferenz der „Denkfabrik R21“ zur „Verlobung“ der Erneuerbaren mit der Kernenergie. Sie hat letzten Mittwoch stattgefunden und ist in voller Länge – d.h. rund fünf Stunden lang – auf YouTube nachzuvollziehen. Während die Anzahl der Zuschauer live am Bildschirm lediglich um die 100 schwankte – im Auditorium waren grob geschätzt etwa doppelt soviele Plätze besetzt – nähert sich die Zahl der Video-Aufrufe langsam den 10.000. Es scheint fast, als ob es hier auf persönliche Empfehlungen ankommt, denn in den Medien – Ausnahme NZZ – wurde die vom Bundespresse- und Informationsamt der Bundesregierung finanzierte Veranstaltung, wenn überhaupt, eher stiefmütterlich behandelt (so in der Berliner-Zeitung vom 5.11.2026 und tags darauf in der Welt – zudem beide hinter Schranke).

Der neue Blick auf Deutschlands Energiepolitik ist in jederlei Hinsicht lohnenswert. Sehr gut vorbereitet und moderiert, mit wohlbesetzten fünf Panels und der Chance, auch Gegenpositionen zu hören und darüber nachdenken zu können. Unter Bezugnahme auf Fernand Braudel, einem französischen Historiker des 20. Jahrhunderts, werden in der Abmoderation gängige Denkmuster als Gefängnisse beschrieben, in denen wir lange verbleiben, die wir aber hinter uns lassen sollten. Das heißt, gerade auch die eigenen Überzeugungen regelmäßig kritisch zu hinterfragen und offen für neue oder fremde Ideen und Anschauungen zu sein.

Das rund 70-minütige Panel II (ab 1:12) liefert dafür wirkmächtige Beispiele, die ich der engeren Verwandtschaft wie auch guten Freunden hiermit ganz besonders ans Herz lege. Die vier Persönlichkeiten aus den USA, Finnland, Schweden und Canada überzeugen schlicht mit ihrem Lebensweg und ihrer Expertise. Um auf Konfuzius und seine drei Wege für kluges Handeln zurückzukommen: Deutschland hat weiterhin das Potenzial, um selbst nachzudenken, sollte aber auch bereit sein, nachzuahmen. Damit die mit der verkorksten Energiewende gemachten bitteren Erfahrungen nicht noch weiter überhandnehmen.

#PreppoKompakt

Bleibt nur noch Immanuel Kant und sein Leitspruch zur Aufklärung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

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