Spitz-findig-keit

7 Minuten

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstösse zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Spitzfindigkeiten zuhauf!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“ antworten Hänsel und Gretel im gleichnamigen Märchen der Gebrüder Grimm, als eine feine Stimme fragt, wer denn an ihrem Häuschen knuspert. Irgendwie fällt uns auch auf die Frage, wer denn die Stromversorgung im Lande nach Abschaltung der Kohle- und Kernkraftwerke sicherstellen soll, nicht viel anderes ein.

Aber die harte Realität eines Industrielandes erfordert eben doch konkrete Antworten. Es geht nicht darum, dass Sonne, Mond und Sterne funkeln, sondern dass, wie von Prof. Dr. André Thess hier plakativ formuliert, „Sonne, Wind und Kerne“ im Zusammenspiel genügend sichere und bezahlbare Energie bereitstellen. Schauen wir heute mal spitz nach, was Windräder leisten können – und was nicht.

1. Spitz-findig-keit

„Unglück: Windrad bricht kurz vor Einweihung in sich zusammen“, titelt der Schwarzwälder Bote vom 30.9.2021. Die Windkraftanlage der Firma Nordex, Typ N149 (Nabenhöhe 164, Rotordurchmesser 149, Gesamthöhe 239 Meter mit einer Nennleistung von 4,5 Megawatt) war in Haltern am See/Nordrhein-Westfalen zusammen mit einem baugleichen Rad erst im März in Betrieb gegangen. 15.000 Quadratmeter Wald wurden dafür gerodet. Laut Hersteller die erste Havarie dieses Turbinenmodells, von dem weltweit 1222 Stück verkauft wurden.

Keine offizielle Statistik

Da es keine offizielle Statistik gibt, weiß man nicht, wie oft Windräder komplett einstürzen. Dem Bundesverband Windenergie (BWE) seien sechs weitere solcher Fälle seit 2005 bekannt, zusammen mit kleineren Schäden während des Betriebs insgesamt 34. Der Verband der TÜV-Organisationen hatte, laut Schwarzwäler Boten, von der Bundesregierung gefordert, Windkraftanlagen (WKA) in den Regelungsbereich der Betriebssicherheitsverordnung aufzunehmen. Nicht zuletzt weil zunehmend ältere Anlagen die zugrundegelegte Betriebszeit von 20 Jahren erreichen. „Die Sicherheit von Windrädern werde derzeit zu selten geprüft.“

Unfallregister Vernunftkraft

Tichys Einblick vom 30.9.2021 berichtet ebenfalls sehr anschaulich über die Havarie und weist auf das seit 2002 geführte Unfallregister von „Vernunftkraft“ hin, einer windkraftkritischen Bürgerinitiative, die sich bundesweit für eine vernünftige Energiepolitik einsetzt. Das Unfallregister – als pdf bei Vernunftkraft abrufbar – enthält Stand 9.10.2021 überschlagen 172 Vorfälle, nach Haltern am See kamen ganz aktuell zwei WKA-Brände und ein Transportunfall hinzu. Im mit den Angaben des BWE in etwa vergleichbaren Zeitraum zählen wir hier immerhin 167 Vorfälle. Auch faz-net berichtet am 1.10.2021 (hinter Schranke) über die Havarie und schlußfolgert. „Das Unglück befeuert die Diskussion über die Überwachung von Windkraftanlagen.“ Ist es nur das, ist alles wieder gut? Wirklich gut ist, dass bei der Havarie in Haltern keine Menschenseele Schaden genommen hat.

2. Spitz-findig-keit

Windkraft-Projekt gestorben, das heißt, es wird auf der Schwäbischen Alb erst gar nicht gebaut. Die Firma RWE Renewables zieht ihren Genehmigungsantrag zurück, berichtet der Zollernalb-Kurier vom 28.9.2021. „Die Gründe seien vielfältig: Das Projekt sei in seiner ursprünglich geplanten Größe mit sieben Anlagen auf den dafür vorgesehenen Flächen unter Wahrung aller Umweltinteressen in absehbarer Zeit nicht zu verwirklichen. Hinzu komme ein großer Widerstand gegen Windkraft vor Ort.“

Die sieben WKA mit Nabenhöhe 150, Rotordurchmesser 130 und einer Gesamhöhe von 215 Metern hätten rund 8.000 Quadratmeter Waldfläche der in der typischen Mittelgebirgsregion gelegenen Gemeinde Winterlingen eingenommen. Widerstand vor Ort, damit ist insbesondere eine rege Bürgerinitiative aus dem Nachbarort Bitz – BBI-WK – gemeint. Diese hat sich seit 2015 gegen die unmittelbar an ihrer Gemeindegrenze geplanten WKA mit guten Sachargumenten und der nötigen Ausdauer positioniert. Und auch mit der Interessengemeinschaft Fachberg Riedern IGFR „kongeniale“ Partner in Winterlingen selbst gefunden.

Nicht wirklich kostenlos

Am 29.9.2021 im Zollernalb-Kurier (hinter Schranke) legen Verwaltung und Gemeinderat Wert auf die Feststellung, dass das Projekt die Gemeinde Winterlingen kein Geld gekostet hat. Typisch schwäbisch, kann man sagen. Die Kosten für Standortsuche, diverse Gutachten, die verschiedenen Genehmigungsverfahren seien komplett vom jeweiligen Vertragspartner – waren es drei oder vier? – getragen worden. Und weil sie gern einen Beitrag zur Energiewende leisten wollen. „Sollte nach dem Ausstieg der RWE Renewables ein anderer Projektierer für den Bau von Windkraftanlagen auf Winterlinger Gemarkung an die Gemeinde herantreten, so wären wir grundsätzlich gesprächsbereit.“

RWE gut im Geschäft

Der für die Genehmigung der WKA zuständige Landrat Günther-Martin Pauli findet hingegen den jahrelangen Ressourcenverbrauch auf mehreren Verwaltungsebenen zurecht ärgerlich. RWE ist unterdessen weitergezogen, um in den nächsten drei Jahren weltweit – ganz aktuell beispielsweise in der Ukraine – fünf und bundesweit eine Milliarde Euro in den Ausbau erneuerbarer Energien zu investieren, so Karina Eyrich im Schwarzwälder Boten vom 28.9.2021.

3. Spitz-findig-keit

Gegenwind in Schweden – „Headwind21, als die Krise zum Geschäft wurde“ – auf youtube in Englisch mit deutschen Untertiteln, 92 Minuten lang. Ganz neuer Dokumentarfilm, der einen sehr nachdenklich stimmen kann. Denn seit 2019 entsteht in Nordschweden nach und nach der größte Windpark der Welt auf hunderten Quadratkilometern unter Umgehung von EU-Umweltschutzbestimmungen, z.B. Natura 2000. Und nach Einschätzung von Alexander Pohl ohne greifbaren Nutzen in Bezug auf den Klimawandel.

Schweden der Garten Eden?

Im Gegenteil. In einem Torfwald – der viel Kohlendioxid gebunden hat – bei Borgvattnet in der Nachbarschaft des Pohlschen Anwesens stehen allein 33 WKA (39:50). Der Diplom-Ingenieur, Mitte vierzig, ehemals Banker bei HSBS und Berater bei KPMG, dort u.a. an der Entwicklung des „Clean Development Mechanism“ (CDM) beteiligt, war mit Familie auf der Suche nach ihrem Garten Eden von London dorthin ausgewandert.

Und dann baut die französische Firma Infravia in diesem „Paradies“ mit Mega-Windturbinen der US-amerikanischen General Electric (GE) zusammen mit der dänischen Firma Stenger & Ibsen einen Windpark. Stromabnehmer ist Google, die ein neues Datencloudcenter im Süden von Finnland betreiben. Infravia nutzt zur Finanzierung einen Fonds mit Sitz in Luxemburg, der mit Steuersparmodellen arbeitet (42:20). Am Projekt beteiligt sind u.a. der deutsche Rückversicherer Munich RE und der norwegische Pensionsfonds.

Vielzahl internationaler „Player“

Als Banken sind involviert BNP Paribas, ABN AMRO, beide aus den Niederlanden, sowie die französische Société Générale und auch die britische HSBS. Das Ganze zudem versehen mit Siegeln der UN und des CDM, die verantwortliches und nachhaltiges Investieren bescheinigen. Alexander Pohl, der sich hiermit sehr gut auskennt, sagt ganz klar, es ginge nur ums Geld (46:00).

Erschütternd die Niedergeschlagenheit des Protagonisten, nachdem er aus erkennbar nichtigem Anlass bei einer kleinen Protestaktion von einem sechsköpfigen, (gas)maskierten Kommando der Polizei mitten in Stockholm festgenommen wurde. Eine Form willkürlicher Polizeigewalt, für ihn sehr beängstigend, ja traumatisierend, seine Seele belastend. Zuvor hatte ihm Greta Thunberg noch im Gespräch gesagt, dass das Problembewußtsein wachsen müsse (1:17:10).

Der Hinweis auf Headwind21/Gegenwind stammt übrigens von der BI Pro Schurwald. Und Gegenwind bekommen fragwürdige WKA-Projekte in unserer Region auch von der im März 2017 ins Leben gerufenen Bürgerinitiative Gegenwind Hohenzollern zu spüren.

Widmung

Gewidmet einem – stellvertretend für etliche – aufrechten, streitbaren Menschen in 72475 Bitz – und nicht nur da -, der sich über ein abgeräumtes Thema freut und zudem letzten Freitag Geburtstag feiern konnte. Wer die Quersumme der Postleitzahl mal drei nimmt und das Ergebnis von rechts nach links liest, weiß wie alt Hubert ist (ging auch schneller, aber Kopfrechnen ist gut für die grauen Zellen).

Und hier geht es weiter zur Kernkraft.

#PreppoKompakt

Die Menschen brauchen Strom. Aus WKA aber nur dort, wo es ausreichend windhöffig und damit wirtschaftlich ist. Und zugleich die Belange von Mensch, Flora und Fauna gewahrt sind. Erträge von Windrädern einfach hochrechnen und Risiken kleinreden funktioniert immer weniger. Weil mutige Leute mit Branchenkenntnis und Sachverstand sich zunehmend wehren, die Projekte Gegenwind zu spüren bekommen. Es kann nicht immer nur ums große Geld gehen.

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Wohlbefinden

Eine Antwort

  1. Angst (in diesem Fall vor dem Klimawandel) hat schon immer „Geschäftemacher“ inspiriert. Und sie wissen, wie man daraus Profit schlagen kann.

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